Heilung als innerer Prozess: Trauma, Nervensystem und der Weg zurück zu uns selbst
Viele Menschen beginnen ihren Heilungsweg mit einem Gefühl von Überforderung, Verwirrung oder auch Entmutigung. Andere sind vielleicht schon länger auf diesem Weg und erleben dennoch das Gefühl, dass sie feststecken, sich im Kreis drehen oder Symptome sich eher verstärken als verbessern. Das kann uns verunsichern, frustrieren und nicht selten Zweifel an unserem eigenen Prozess auslösen.
Vor allem in Bezug auf Trauma verläuft der Heilungsprozess selten geradlinig. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass vieles von dem, was wir erlebt haben, nicht als bewusste Erinnerung gespeichert ist, sondern abgespalten in unserem Körper, Nervensystem und in unsere Psyche liegt (van der Kolk, 2014). Heilung bedeutet daher nicht nur, das Erlebte zu verstehen oder darüber zu sprechen, sondern vor allem, den Kontakt zu unseren inneren Anteilen wiederzufinden, die wir einst unterdrücken mussten, um uns zu schützen.
Dieser Artikel beschreibt Heilung aus einer ganzheitlichen und traumasensiblen Perspektive. Er lädt dich ein, deinen eigenen Prozess differenzierter zu betrachten, innere Zusammenhänge klarer zu erkennen und dir selbst mit mehr Achtsamkeit und sanfter Neugier zu begegnen, anstatt dich vorschnell zu bewerten oder unter Druck zu setzen.
Wenn der Körper deutliche Signale setzt
Für viele von uns beginnt ein innerer Prozess nicht aus reiner Neugier heraus, sondern aus einer Notwendigkeit. Oft ist es der Moment, in dem unser Körper deutlich „Stopp“ sagt, in dem wir Schmerzen oder Symptome nicht länger übergehen können, oder sich ein Zustand von Überforderung, Erschöpfung oder innerer Anspannung nicht mehr wegdrücken lässt. Meist liegt zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Phase von Belastung und Stress hinter uns, manchmal über viele Jahre oder sogar ein ganzes Leben hinweg. Die Fähigkeit, dass wir unser Nervensystem auf gesunde Weise regulieren können, ist dann häufig bereits deutlich eingeschränkt.
In dieser Situation erleben viele, dass die vorhandenen Angebote im Gesundheitssystem vor allem auf die Linderung oder Kontrolle von Symptomen ausgerichtet sind, ohne jedoch die tieferliegenden Ursachen ausreichend zu berücksichtigen. Auch wenn solche Ansätze kurzfristig entlasten können, bleibt oft unklar, weshalb wir diese Symptome überhaupt entwickelt haben. Dadurch entsteht nicht selten das Gefühl, dass wir uns im Kreis drehen, verschiedene Behandlungsansätze ausprobieren, ohne dass sich jedoch eine nachhaltige Veränderung einstellt.
Ein wesentlicher, aber häufig wenig beachteter Aspekt bei klassischen Behandlungen sind unsere frühen Prägungen und traumatischen Erfahrungen. Diese entstehen oft in sehr frühen Lebensphasen, an die wir keine bewusste Erinnerung haben, teilweise bereits während der Schwangerschaft oder rund um die Geburt. Von Beginn an entwickelt sich unser Nervensystem und unsere Psyche in engem Austausch mit unserer Umgebung, insbesondere in Beziehung zu unseren Eltern und anderen primären Bezugspersonen.
Erfahrungen in der Kindheit wie das Gefühl, nicht willkommen zu sein, unbewusst den Platz eines verstorbenen Geschwisterkindes einnehmen zu müssen, Geburtstraumata, Verluste in der Familie, Vernachlässigung, Gewalt, sexueller Missbrauch oder Grenzverletzungen, können tiefe Spuren in unserem gesamten System hinterlassen. Wenn solche Erfahrungen nicht verarbeitet werden, kann unser Nervensystem in einem Zustand von innerem Stress stecken bleiben. Als Kinder sind wir auf verlässliche, liebevolle und präsente Bezugspersonen angewiesen. Wenn unsere Eltern selbst viele unverarbeitete Traumata tragen, prägt dies oft unbewusst die Beziehung zwischen Eltern und Kind und eine gesunde Bindung ist kaum möglich.
Heilung als ganzheitlicher Prozess
Wenn Menschen eine Therapie beginnen, besteht oft die Erwartung, dass der Therapeut die Lösung ist. Und obwohl die therapeutische Beziehung eine zentrale Rolle im Heilungsprozess spielt, ist innere Heilung nicht etwas, das jemand anderes für uns „erschaffen“ kann. Heilung ist ein zutiefst innerer Prozess, der uns zu aktiver Mitarbeit und Selbstverantwortung einlädt.
Traumatische Erfarungen hinterlassen ihre Spuren nicht nur auf einer einzelnen Ebene, sondern durchziehen unser gesamtes Erleben. Unsere Gedanken, Gefühle, körperlichen Empfindungen und inneren Prozesse stehen in enger Wechselwirkung miteinander. So beeinflusst Trauma nicht nur unsere mentale und emotionale Gesundheit, sondern zeigt sich ebenso im Nervensystem, in impliziten Körpererinnerungen und in biochemischen Abläufen in unserem Körper. Gerade diese Vielschichtigkeit macht deutlich, warum ein ganzheitlicher Ansatz in der Heilung so wichtig ist.
Im Folgenden werden einige zentrale Aspekte dieses Prozesses näher beleuchtet:
SELBST-ERKUNDUNG:
Ein zentraler Bestandteil des Heilungsprozesses ist die behutsame Erkundung unserer inneren Welt. Traumatische Erfahrungen können dazu führen, dass sich unsere Psyche in verschiedene Anteile spaltet, von denen einige in vergangenen Erlebnissen stecken bleiben, während andere Anteile diverse Überlebensstrategien mobilisieren. Unsere inneren Traumaanteile speichern so also Gefühle, unerfüllte Bedürfnisse und körperliche Empfindungen, die während des ursprünglichen Erlebnisses zu überwältigend waren, um sie vollständig zu verarbeiten (Fisher, 2017; Ruppert, 2019).
Unsere inneren Anteile verschwinden nicht einfach mit der Zeit. Sie wirken in uns weiter, oft abseits von unserer bewussten Wahrnehmung, und beeinflussen, wie wir uns selbst sehen, wie wir reagieren, Beziehungen gestalten und die Welt interpretieren. Wenn wir beginnen, uns diesen inneren Prozessen achtsam zuzuwenden, können wir nach und nach ein tieferes Verständnis für unsere eigenen Reaktionsmuster und Empfindungen entwickeln.
Ansätze wie die Identitätsorientierte Psychotraumatherapie (IoPT) und die von Prof. Dr. Franz Ruppert entwickelte Anliegenmethode können diesen Prozess unterstützen. Durch Aufstellungsarbeit und Resonanz entsteht ein Raum, in dem sich unbewusste Dynamiken langsam zeigen können. Dazu brauchen wir nicht zwingend eine klare Erinnerung an Erlebnisse aus unserer Kindheit. Vielmehr kann sich das, was in unserem Körper und Nervensystem gespeichert ist, schrittweise ausdrücken und integriert werden.
TRAUMA VERSTEHEN:
Ergänzend zur inneren Arbeit, kann es wichtig sein zu verstehen, wie Trauma unser Nervensystem und innere Welt prägt, und oft über Generationen hinweg weitergegeben wird. Dieses Verständnis kann uns dabei helfen, unsere eigenen Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen (Schnyder et al., 2025).
Oft entsteht dadurch eine spürbare Veränderung in unserem inneren Erleben. An Stelle von Gedanken wie „mit mir stimmt etwas nicht“ kann allmählich die Erkenntnis treten, dass viele unserer Verhaltensweisen wichtige Überlebensstrategien waren. Dieses Verständnis kann Gefühle von Scham reduzieren und eine bessere Grundlage dafür schaffen, uns selbst mit mehr Mitgefühl und innerer Klarheit zu begegnen.
INNERE SICHERHEIT UND WAHLMÖGLICHKEITEN ERSCHAFFEN:
Eine weitere wesentliche Grundlage im Heilungsprozess ist, wieder mehr innere Sicherheit zu entwickeln und Schritt für Schritt eigene Wahlmöglichkeiten zurückzugewinnen (Lynch et al., 2025). Traumatische Erfahrungen gehen oft mit einem tiefen Verlust von Kontrolle, Selbstbestimmung und innerer Handlungsfreiheit einher.
Umso bedeutsamer ist es, Räume zu schaffen, in denen genau diese Erfahrung von Auswahl und Einfluss langsam wieder möglich wird. Räume, in denen nichts erzwungen wird, und in denen wir wieder spüren können, dass wir wählen können, was sich für uns stimmig anfühlt und was nicht. So können wir allmählich wieder ein Gefühl dafür entwickeln, dass wir Einfluss auf unser Leben und Wohlbefinden haben und eigene Entscheidungen treffen können.
Die IoPT fokussiert sich unter anderem auf die Stärkung unserer gesunden Autonomie. Hier spielt die Anliegenmethode eine wesentliche Rolle, was Klienten ermöglicht, selbst zu entscheiden mit welcher Fragestellung oder Anliegen sie arbeiten möchten (Ruppert, 2019). Dadurch kann sich Schritt für Schritt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit entwickeln und das Vertrauen in die eigene innere Wahrnehmung gestärkt werden.
SELBSTWAHRNEHMUNG UND MITGEFÜHL:
Mit wachsender Selbstwahrnehmung verändert sich auch die Art und Weise, wie wir uns selbst begegnen. Wenn wir beginnen, unsere inneren Zustände und Gefühle behutsamer wahrzunehmen, entstehen Momente, in denen wir innehalten und bewusst wählen können, wie wir reagieren möchten, anstatt automatisch von alten Überlebensmustern gesteuert zu werden.
Gleichzeitig öffnet sich damit auch ein Raum für einen tieferen, inneren Kontakt mit uns selbst. Anstatt dass wir uns bewerten und kritisieren, kann Präsenz, Fürsorge und ein Interesse uns selbst gegenüber wachsen. Gerade unsere verletzten und aktivierten, inneren Anteile brauchen oft genau diese Form von Zuwendung, um sich zeigen und integriert werden zu können.
Unser Selbstmitgefühl zu stärken ist dabei ein wesentlicher Bestandteil vom Heilungsprozess. Es wirkt regulierend auf unser Nervensystem und kann uns helfen, stressbasierte Reaktionsmuster wie Scham oder Selbstkritik zu reduzieren. Indem wir uns selbst mit mehr Mitgefühl begegnen, unterstützen wir unseren Körper darin, wieder mehr innere Sicherheit wahrzunehmen und schaffen so die Grundlage für Integration und nachhaltige Veränderung (Konrad et al., 2025).
SELBSTANNAHME UND ACHTSAMKEIT:
Ein weiterer wichtiger Teil dieses Prozesses besteht darin, uns selbst mit mehr Annahme zu begegnen und zwar nicht nur in Momenten, in denen wir uns stabil oder „gut“ fühlen, sondern gerade auch dann, wenn Unruhe, Schmerz oder innere Spannungen präsent sind. Viele von uns haben früh gelernt, dass wir nur unter bestimmten Bedingungen „richtig“ sind, gesehen und akzeptiert wurden. Diese Erfahrungen wiederholen wir oft unbewusst, indem wir genau die Anteile in uns ablehnen oder bewerten, die sich verletzlich, widersprüchlich oder unangenehm anfühlen.
Solange bestimmte Anteile in uns keinen Raum bekommen dürfen, bleibt häufig auch die innere Dynamik bestehen, die ursprünglich mit einer emotionalen Verletzung oder Überforderung verbunden war.
Achtsamkeitsübungen können diesen Prozess auf eine sehr sanfte Weise unterstützen. Sie laden uns dazu ein, das, was im Inneren geschieht, zunächst wahrzunehmen, ohne es sofort einordnen, verändern oder bewerten zu müssen. Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und innere Reaktionsmuster können so mit etwas mehr Abstand und Klarheit beobachtet werden.
Dabei geht es nicht darum, sich von sich selbst zu distanzieren, sondern vielmehr, sich weniger in einzelnen Zuständen zu verlieren. Achtsamkeitspraktiken können uns dabei unterstützen, präsent zu bleiben und gleichzeitig zu erkennen, dass wir mehr sind als das, was wir gerade fühlen oder erleben. Mit der Zeit kann daraus ein tieferes Gefühl von innerer Stabilität entstehen sowie eine mitfühlendere Beziehung zu uns selbst.
Achtsamkeit gilt als einer der am meisten erforschten ergänzenden Ansätze im Zusammenhang mit Traumaarbeit und posttraumatischen Belastungsstörungen. Studien zeigen, dass Achtsamkeitspraktiken dazu beitragen können, Symptome zu reduzieren, die Regulation von Emotionen und körperlichen Reaktionen zu unterstützen und sowohl begleitend bei klassischer Therapie genutzt werden, als auch in Fällen wo klassische Behandlungen schwer zugänglich oder nur begrenzt anwendbar sind (Scafuto et al., 2025).
KÖRPERWAHRNEHMUNG STÄRKEN:
Neben der Arbeit mit unseren inneren Anteilen, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl spielt auch unser Körper eine zentrale Rolle im Heilungsprozess. Trauma ist nicht nur in unserer Psyche gespeichert, sondern ebenso im Nervensystem, im Körper und beeinflusst unsere gefühlte Wahrnehmung (Levine, 2015). Eine feinere Körperwahrnehmung zu entwickeln bedeutet, achtsam wahrzunehmen, was in uns geschieht. Das kann im Alltag bereits mit sehr einfachen, grundlegenden Empfindungen beginnen, zum Beispiel:
Hunger oder Durst rechtzeitig wahrzunehmen, anstatt erst dann zu reagieren, wenn der Körper bereits erschöpft ist
Die eigene Atmung beobachten, ob sie eher flach im Brustraum bleibt oder sich auch in den Bauchraum ausdehnen kann
Spannungen im Körper erkennen, etwa im Nacken, in den Schultern oder im Rücken
Die eigene Körperhaltung wahrnehmen, im Sitzen, Stehen oder Gehen
In den Herzbereich hineinspüren ob dort Enge, Weite oder andere Empfindungen präsent sind
Wahrnehmen, wo und wie sich Gefühle im Körper zeigen, zum Beispiel als Druck, Wärme, Ziehen oder Bewegung
Diese Form der somatischen Achtsamkeit kann uns dabei unterstützen, wieder mehr in den Kontakt mit unserem eigenen Körper zu kommen und die Signale unseres Nervensystems frühzeitiger zu erkennen und zu verstehen. Es geht dabei nicht darum, etwas zu erzwingen oder intensive Körperempfindungen „auszuhalten“, sondern vielmehr, schrittweise eine größere Kapazität für das zu entwickeln, was uns unser Körper in diesem Moment kommuniziert, und zwar in einem Rahmen, der für uns innerlich gut regulierbar bleibt.
Körperarbeit und somatische Ansätze können diesen Prozess unterstützen, indem sie dem System ermöglichen, unterdrückte Überlebensenergie nach und nach zu verarbeiten und zu lösen (Porges & Dana, 2018). Auf diese Weise kann unser Körper allmählich die Erfahrung machen, dass es sicher ist zu fühlen, ohne von den eigenen Empfindungen überwältigt zu werden.
NATÜRLICHE KAPAZITÄT FÜR HEILUNG:
Es ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass unser System nicht nur von belastenden Erfahrungen geprägt ist, sondern auch über eine natürliche Fähigkeit zur Heilung verfügt. Unser Körper erneuert sich fortlaufend auf zellulärer Ebene, und auch unser Gehirn bleibt formbar und anpassungsfähig durch die sogenannte Neuroplastizität.
Heilung bedeutet daher nicht, dass wir jemand neues werden müssen. Vielmehr geht es darum, wieder Zugang zu dem zu finden, was bereits in uns ist. Schritt für Schritt können wir lernen, unsere gesunden, inneren Anteile welche Stabilität, Lebendigkeit und Verbundenheit spüren, bewusst zu stärken.
GEMEINSCHAFT & BEZIEHUNGEN:
Heilung ist nicht nur ein innerer, individueller Prozess, sondern entfaltet sich auch im Kontakt mit anderen. Viele unserer emotionalen Verletzungen sind in Beziehung zu anderen entstanden, insbesondere in frühen Lebensphasen, in denen wir uns nicht sicher, gesehen oder unterstützt gefühlt haben. Auf ähnliche Weise können später im Leben gesunde Beziehungen und Kontakte auch reparierend und heilend wirken.
Wenn wir uns sicher fühlen und uns mit Präsenz, Respekt und echtem Interesse begegnet wird, kann sich unser Nervensystem allmählich entspannen. Ein unterstützendes Umfeld aufzubauen, sei es im Rahmen von Therapie, in Gruppen oder in vertrauensvollen Beziehungen, ist daher ein wesentlicher Bestandteil des Heilungsweges (Melillo et al., 2025). Gerade wenn wir früher gelernt haben, alles alleine tragen zu müssen, kann es herausfordernd sein, um Hilfe zu bitten oder Unterstützung anzunehmen. Und doch sind es oft genau diese neuen Erfahrungen, wenn wir uns gesehen, akzeptiert und gehalten fühlen, die tiefere Regulation und ein nachhaltiges Gefühl von Wohlbefinden und Vertrauen ermöglichen.
Heilung neu verstehen: häufige Missverständnisse und neue Perspektiven
Wenn wir beginnen, uns intensiver mit uns selbst auseinanderzusetzen, kann es hilfreich sein, einige Vorstellungen, die wir über Heilung mitbringen, vorsichtig zu hinterfragen. Viele starten diesen Weg mit der Hoffnung, dass Symptome vollständig verschwinden, dass sich irgendwann alles durchgehend „gut“ anfühlt oder dass Heilung einem klaren, vorhersehbaren Verlauf folgt. Wenn diese Erwartungen sich nicht erfüllen, entsteht leicht Frustration, Verunsicherung oder der Eindruck, dass etwas nicht richtig funktioniert.
Ein wesentlicher Perspektivwechsel besteht darin, unsere Symptome nicht mehr als Zeichen von „Dysfunktionalität“ zu betrachten, sondern als Kommunikation unseres Körpers. Oft weisen sie darauf hin, dass etwas in unserem System aus dem Gleichgewicht geraten ist. Viele Krankheiten und Symptome entstehen nicht zufällig, sondern sind eng mit unseren bisherigen Lebenserfahrungen verbunden und oft Ausdruck von unbewussten Überlebens- und Traumaanteilen. In tiefergehenden Heilungsprozessen kann es zudem vorkommen, dass sich Symptome zeitweise verstärken. Auch das ist nicht ungewöhnlich, sondern kann darauf hinweisen, dass bisher unterdrückte Gefühle und Wahrnehmungen allmählich an die Oberfläche kommen.
Wichtig ist zu verstehen, dass Heilung nicht bedeutet, dass wir nie wieder Stress, Dysregulation oder innere Unruhe erleben. Vielmehr geht es darum, eine andere Beziehung zu uns selbst zu entwickeln. Mit der Zeit können wir lernen unangenehme Gefühle und innere Zustände bewusster wahrzunehmen, ohne uns vollständig in ihnen zu verlieren. Dadurch entsteht mehr Flexibilität in uns, wo ein Wechsel zwischen Anspannung und Regulation möglich wird, und unser Nervensystem sich nach und nach stabilisieren kann.
Das eröffnet eine „Sowohl-als-auch“-Perspektive: Wir können aktiviert sein und Unbehagen spüren und gleichzeitig im Kontakt mit uns bleiben. Heilung bedeutet in diesem Sinne nicht, bestimmte Zustände zu vermeiden, sondern unsere innere Kapazität zu erweitern, um diese mit mehr Bewusstsein und Fürsorge zu halten.
Mit dieser wachsenden inneren Stabilität wird es oft auch leichter, alte Überlebensstrategien allmählich zu lockern. Was uns früher geholfen hat, mit Überforderung umzugehen, kann sich langsam verändern, wenn unser Nervensystem mehr innere Sicherheit fühlt. So entsteht Raum für neue Erfahrungen von Verbindung, sowohl im Kontakt mit anderen als auch in der Beziehung zu uns selbst.
Gleichzeitig ist es ganz natürlich, sich Entlastung oder schnelle Veränderung zu wünschen. Dennoch entfaltet sich dieser Prozess meist langsam. Jeder Heilungsweg ist individuell und wird von unseren persönlichen Erfahrungen, unserem Nervensystem und jeweiligen Umfeld geprägt. Es gibt keinen festen Zeitplan, und Fortschritte zeigen sich nicht immer so, wie wir es erwarten würden.
In diesem Sinne geht es bei Heilung nicht nur darum, Symptome zu reduzieren, sondern vielmehr auch Vertrauen wieder aufzubauen, in uns selbst, in unsere inneren Ressourcen und in unsere Fähigkeit, dem Leben mit mehr innerer Verbundenheit zu begegnen.
Zurück in Verbindung zu dir selbst kommen
Heilung ist kein Ziel, das wir irgendwann erreichen, sondern vielmehr eine Beziehung, die wir im Laufe der Zeit zu uns selbst aufbauen. Es gibt Phasen, in denen sich innere Klarheit und Verbundenheit zeigen, und Perioden, in denen sich alles wieder schwerer, unklar oder weiter entfernt anfühlt. Diese Phasen sind ein natürlicher Teil des Prozesses und kein Hinweis darauf, dass etwas falsch läuft.
Auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, trägt unser System eine tiefe innere Intelligenz, die sich in Richtung Gleichgewicht und Wohlbefinden ausrichten möchte. Jedes Innehalten, jedes bewusste Wahrnehmen und jeder Moment, in dem wir uns selbst mit ein wenig mehr Achtsamkeit oder Mitgefühl begegnen, kann etwas Neues in uns öffnen. Diese Momente mögen klein erscheinen, und doch sie sind von großer Bedeutung.
Du musst nicht alles auf einmal verstehen oder sofort eine Lösung finden. Heilung entfaltet sich in unserem eigenen Tempo, oft schrittweise und in Schichten, die nicht immer direkt sichtbar sind. Entscheidend ist nicht, wie schnell du vorankommst, sondern dass du immer wieder in den Kontakt mit dir selbst gehst, so gut wie es für dich in diesem Moment möglich ist.
Und du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Nach Unterstützung zu suchen, um Hilfe bitten und dich authentisch zu zeigen, kann ein wichtiger Teil dieses Prozesses sein. Mit der Zeit kann sich so wieder mehr Vertrauen entwickeln, in dich selbst und auch in andere.
Ganz gleich, wo du gerade in deinem Prozess stehst, ob am Anfang, mittendrin oder irgendwo dazwischen, es gibt kein Richtig oder Falsch. Wenn du Schritt für Schritt in deinem eigenen Tempo gehst, kann sich dein Weg ganz natürlich weiter entfalten. 👣💛
✏️ Fragen zur Reflexion:
Wie erlebe ich meinen eigenen Heilungsprozess im Moment? Spüre ich Druck, Ungeduld oder das Gefühl, „weiter sein zu müssen“?
Wie reagiere ich in Momenten von innerer Unruhe oder Aktivierung?
Was hilft mir, auch auf kleine, einfache Weise mit mir selbst in Verbindung zu bleiben?
Gibt es bestimmte Trigger oder Symptome, die ich noch näher erkunden möchte?
Wenn dieser Artikel mit dir resoniert, bist du herzlich eingeladen, deine Gedanken, Reflexionen oder Fragen unten in den Kommentaren zu teilen. Heilung kann sich manchmal sehr einsam oder isolierend anfühlen, und deine Erfahrungen sind wichtig. Ich freue mich immer zu lesen, wie diese Themen deinen eigenen Prozess bewegen.
Wenn du das Gefühl hast, dass du tiefer eintauchen möchtest, biete ich 1:1 IoPT Traumatherapie- und somatische Sitzungen an, sowohl vor Ort in Oslo als auch online für internationale Klienten. In diesen Sitzungen entsteht ein geschützter Raum, wo du dein Inneres erkunden kannst um alte Muster zu lösen und dich behutsam wieder mit deinen inneren Ressourcen zu verbinden.
Mehr über meine Arbeit und aktuelle Angebote findest du hier.
Danke, dass du hier bist.
Julia 🌸
Litteratur
Fisher, J. (2017). Healing the fragmented selves of trauma survivors: Overcoming internal self-alienation. Routledge
Konrad, A., Miu, A., Trautmann, S., & Kanske, P. (2025). Neural correlates and plasticity of explicit emotion regulation following the experience of trauma. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 19.
Levine, P. A. (2015). Trauma and memory: Brain and body in a search for the living past. North Atlantic Books.
Lynch, J., Stange, K., Dowrick, C., Getz, L., Meredith, P., Van Driel, M., Harris, M., Tillack, K., & Tapp, C. (2025). The sense of safety theoretical framework: a trauma-informed and healing-oriented approach for whole person care. Frontiers in Psychology, 15.
Melillo, A., Sansone, N., Allan, J., Gill, N., Herrman, H., Cano, G., Rodrigues, M., Savage, M., & Galderisi, S. (2025). Recovery-oriented and trauma-informed care for people with mental disorders to promote human rights and quality of mental health care: a scoping review. BMC Psychiatry, 25.
Ruppert, F. (2019). Who am I in a traumatised and traumatising society? Green Pharmacy Balloon Publishing.
Porges, S. W., & Dana, D. (Eds.). (2018). Clinical applications of the polyvagal theory: The emergence of polyvagal-informed therapies. W. W. Norton & Company.
Scafuto, F., Quinto, R., Orrú, G., Lazzarelli, A., Ciacchini, R., & Conversano, C. (2025). Do Contemplative Practices Promote Trauma Recovery? A Narrative Review from 2018 to 2023. Healthcare, 13.
Schnyder, U., Ehlers, A., Elbert, T., Foa, E., Gersons, B., Resick, P., Shapiro, F., & Cloitre, M. (2015). Psychotherapies for PTSD: what do they have in common?. European Journal of Psychotraumatology, 6.
van der Kolk, B. A. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking.