Identitätstrauma und psychische Verstrickungen: Wie frühe Bindungserfahrungen unser Selbst prägen

Die Bindung zu unserer Mutter ist die erste und eine der prägendsten Beziehungen unseres Lebens. Von Beginn an sind wir körperlich und emotional auf sie angewiesen. In dieser frühen Abhängigkeit entwickeln sich unsere grundlegenden Erfahrungen von Sicherheit, Verbundenheit und unser eigenes Selbstgefühl.

Wenn wir als Kinder unbewusst die unerfüllten Bedürfnisse oder unverarbeiteten Traumata unserer Mutter übernehmen, verlieren wir auf diese Weise den natürlichen Zugang zu Anteilen von unserem eigenen Selbst. Die Auswirkungen solcher mütterlichen Verstrickungen werden häufig unterschätzt. Denn dass auch Mütter ihren Kindern aufgrund eigener unverarbeiteter Traumata unbewusst schaden können, ist in unserer Gesellschaft noch immer ein sensibles und oft tabuisiertes Thema.

Dieser Artikel beleuchtet mütterliche Verstrickungen aus der Perspektive der Identitätsorientierten Psychotraumatheorie (IoPT), und geht der Frage nach, wie frühe Identifizierungen unser Selbstgefühl bis ins Erwachsenenalter prägen können.

Psychische Verstrickung verstehen

Von einer psychischen Verstrickung spricht man, wenn die Grenzen zwischen Eltern und Kind verschwimmen und es dem Kind dadurch schwerfällt, ein eigenständiges Selbstgefühl zu entwickeln und zu bewahren. Das kann sich beispielsweise in übergriffigem Kontrollverhalten der Eltern, Schuldzuweisungen oder darin zeigen, dass die Eigenständigkeit und die persönliche Wahrnehmung des Kindes nicht ernst genommen oder abgewertet werden (Thompson et al., 2024).

In der Beziehung zwischen Mutter und Kind kann das bedeuten, dass sich unsere eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Entscheidungen zunehmend mit den emotionalen Bedürfnissen und Erwartungen unserer Mutter vermischen. Sie nimmt uns dann nicht wirklich als eigenständigen Menschen mit einem eigenen inneren Erleben wahr. Stattdessen erfüllen wir unbewusst eine bestimmte Funktion in ihrem Leben, die ihren emotionalen Bedürfnissen dient (Kirik et al., 2026).

Das kann dazu führen, dass wir uns von unserer Mutter vereinnahmt oder emotional ausgesaugt fühlen. Unbewusst richten wir unsere Aufmerksamkeit und Energie immer wieder darauf, wie es ihr geht und was sie emotional braucht. Für unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse bleibt dabei wenig Raum. Mit der Zeit fällt es uns möglicherweise schwer, zwischen unserem eigenen Erleben und den Gefühlen und Erwartungen zu unterscheiden, die wir von unserer Mutter übernommen haben.

Psychische Verstrickungen können auch mit einer sogenannten Parentifizierung einhergehen. Damit ist gemeint, dass ein Kind Aufgaben und Verantwortung übernimmt, die seinem Alter nicht angemessen sind und eigentlich in den Verantwortungsbereich der Eltern gehören (Stanić et al., 2025). Psychische Verstrickungen und Parentifizierung vermischen sich oft und treten häufig gemeinsam auf. Wenn die Grenzen zwischen Eltern und Kind verschwimmen, fällt es dem Kind schwer zu erkennen, wo seine eigene Verantwortung endet und die der Mutter beginnt. Durch die Parentifizierung verstärkt sich die Vorstellung, für das emotionale Wohlbefinden der Mutter verantwortlich zu sein und ihre Bedürfnisse über die eigenen stellen zu müssen.

Aus der Perspektive der Identitätsorientierten Psychotraumatheorie (IoPT) lassen sich diese Dynamiken über das Konzept der Identifizierung verstehen. Mit Identifizierungen sind in der IoPT unbewusste Verstrickungen mit Aspekten des psychischen und emotionalen Erlebens eines anderen Menschen gemeint, die häufig im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen als Überlebensstrategien entstehen. In der Beziehung zwischen Mutter und Kind kann sich das darin zeigen, dass ein Kind unbewusst die unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen und emotionalen Bedürfnisse seiner Mutter übernimmt und sich mit diesen identifiziert.

Pränatale psychische Verstrickungen

Während der Zeit im Mutterleib, im Säuglingsalter und in der frühen Kindheit ist unser Ich noch nicht vollständig entwickelt. Unser Selbstgefühl und unsere Identität bilden sich erst nach und nach, und werden durch unsere frühesten Beziehungen und Erfahrungen geprägt. Dabei spielt zunächst vor allem die Beziehung zu unserer Mutter eine zentrale Rolle, später kommen weitere wichtige Bezugspersonen hinzu. Die Zeit im Mutterleib ist für unsere psychische Entwicklung besonders prägend und kann beeinflussen, ob wir uns willkommen, gewollt und geliebt fühlen.

Aus der Perspektive der IoPT stellt sich dabei eine grundlegende Frage: Werden wir als eigenständiger Mensch mit eigenen Bedürfnissen und einer ganz individuellen Persönlichkeit wahrgenommen? Oder müssen wir unbewusst eine bestimmte Funktion in der Psyche unserer Mutter erfüllen, weil sie selbst unverarbeitete traumatische Erfahrungen in sich trägt?

Während der Schwangerschaft wird unsere Entwicklung sowohl durch den körperlichen als auch durch den psychischen Zustand unserer Mutter stark beeinflusst. Ihr Stresserleben, ihre körperliche Gesundheit, ihre emotionalen Kapazitäten, unverarbeitete traumatische Erfahrungen und die Umstände der Schwangerschaft prägen das Umfeld, in dem wir uns während der ersten neun Monate unseres Lebens entwickeln.

Aus Sicht der IoPT gehören pränatale Identifizierungen zu unseren frühesten Überlebensstrategien. Sie dienen dazu, unseren sich entwickelnden Körper und unsere Psyche zu schützen und gleichzeitig die Verbindung zu unserer Mutter aufrechtzuerhalten.

Im Folgenden sind einige Beispiele beschrieben, wie solche Identifizierungen entstehen können:

  • Die Mutter versucht unbewusst, durch ihr Kind ihre eigenen unerfüllten Bedürfnisse aus der Kindheit zu stillen. Vielleicht sehnt sie sich nach der Liebe, die sie selbst nie erfahren hat, sucht durch Muttersein endlich eine eigene Identität, oder benutzt ihr Kind um eine innere Leere zufüllen. Als Kind können wir uns dadurch unbewusst in ihren Erwartungen und Vorstellungen davon verstricken, wer wir sein sollen und was wir unserer Mutter geben müssen.

  • Das Kind wird zum wichtigsten Halt und Lebenssinn der Mutter, etwa in einer Zeit der Trauer, Depression, Einsamkeit oder emotionalen Instabilität. Unbewusst erwartet die Mutter vielleicht, dass das Kind ihrem Leben wieder einen Sinn gibt, sie aus einer kaum erträglichen Situation rettet oder die emotionale Leere in ihr ausgleicht. Hier steht vor allem die Erwartung im Vordergrund, dass das Kind für das emotionale Gleichgewicht der Mutter verantwortlich ist.

  • Die Mutter hofft, dass ein Kind ihre Beziehung rettet oder den Vater dazu bringt, bei ihr zu bleiben. In diesem Fall kann das Kind unbewusst die Rolle übernehmen, die Eltern zusammenzuhalten. Es wird gebraucht, weil es etwas für die Mutter oder die Beziehung leisten soll, anstatt einfach als der Mensch gesehen zu werden, der es ist. So kann bereits früh eine Verstrickung mit den unerfüllten Bedürfnissen der Mutter und ihrer Angst, verlassen zu werden, entstehen.

  • Die Mutter erlebt widersprüchliche Gefühle im Zusammenhang mit der Schwangerschaft. Ein Teil von ihr wünscht sich das Kind, während ein anderer Teil es gleichzeitig ablehnt. Vielleicht war die Schwangerschaft aber auch überhaupt nicht gewollt. Solche widersprüchlichen Gefühle können das sich entwickelnde Selbstgefühl des Kindes wesentlich prägen. Gerade wenn wir nicht gewollt sind, können wir uns mit der Ablehnung unserer Mutter unbewusst identifizieren. Wir erleben uns selbst als unerwünscht und beginnen, unsere eigene Existenz infrage zu stellen.

  • Die Mutter wünscht sich unbedingt ein Kind eines bestimmten Geschlechts. Entspricht das Kind nicht ihrer Vorstellung, fällt es ihr möglicherweise schwer, es so anzunehmen, wie es ist, unabhängig davon, ob ihr das bewusst ist oder nicht. Das Kind kann sich mit den Erwartungen oder der Enttäuschung der Mutter identifizieren und dadurch das Gefühl entwickeln, dass mit ihm oder seinem eigenen Körper etwas nicht stimmt.

Aus Sicht der IoPT verdeutlichen diese Beispiele einen zentralen Konflikt in der Entwicklung unserer Identität, was als Identitätstrauma bezeichnet wird (Ruppert, 2019). Wir fühlen, dass wir nicht so gewollt sind, wie wir eigentlich sind, und sehnen uns gleichzeitig zutiefst nach einer echten und liebevollen Bindung zu unserer Mutter.

Als Kinder sind wir auf diese Bindung existentiell angewiesen, um Sicherheit und Zugehörigkeit zu entwickeln. Gerade in der vorgeburtlichen Zeit und den ersten Lebensjahren können wir noch nicht erkennen oder einordnen, dass Ablehnung, Kontrolle oder die emotionale Unerreichbarkeit unserer Mutter mit ihren eigenen unverarbeiteten Erfahrungen zusammenhängen. Was wir erleben, ist unsere Normalität. Wir kennen es nicht anders und können nicht zwischen dem unterscheiden, was zu uns gehört, und dem, was wir von unserer Mutter übernehmen. Wenn wir wiederholt Schmerz oder Ablehnung erfahren, können wir uns nicht einfach von ihr abwenden. Um die lebensnotwendige Bindung aufrechtzuerhalten, suchen wir deshalb häufig unbewusst den Fehler bei uns selbst. So richten wir die schmerzhafte Erfahrung der Ablehnung gegen uns selbst und können unbewusst Gefühle, Überzeugungen und Verhaltensmuster unserer Mutter übernehmen.

In der IoPT zeigt das Spaltungsmodell der Psyche, wie wir mit diesem inneren Konflikt umgehen: Schmerzhafte Gefühle und Erfahrungen, die mit dem Trauma verbunden sind, werden abgespalten (Ruppert, 2019). Dazu können tiefe Trauer, Angst, Wut, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit oder die Sehnsucht gehören, so angenommen zu werden, wie wir wirklich sind. Die psychischen Anteile, in denen diese Erfahrungen und Gefühle gebunden bleiben, werden als Traumateile bezeichnet.

Gleichzeitig entwickeln wir Überlebensanteile, die uns davor schützen, mit diesen überwältigenden Gefühlen und Körperempfindungen in den Kontakt zu kommen. Sie können sich beispielsweise darin zeigen, dass wir Gefühle unterdrücken, die Realität leugnen, uns ablenken oder innerlich taub und leer fühlen. Auch die Identifizierung mit den Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen eines anderen Menschen kann eine solche Überlebensstrategie sein. Anstatt den Schmerz darüber wahrzunehmen, nicht so gewollt oder geliebt zu sein, wie wir wirklich sind, entsteht oft die innerliche Überzeugung, dass mit uns etwas nicht stimmt, dass wir keine Liebe verdienen oder eigentlich gar nicht existieren sollten.

Wie sich Verstrickungen auf die Entwicklung unseres Ichs auswirken

Wenn psychische Verstrickungen und Identifizierungen bereits während der Schwangerschaft oder in der frühen, vorsprachlichen Entwicklung entstehen, können sie nachhaltig prägen, wie wir uns selbst und die Welt um uns herum erleben. Aus Sicht der IoPT kann es uns schwerfallen, ein eigenständiges und stabiles Gefühl dafür zu entwickeln, wer wir sind, was wir fühlen und was wir brauchen, wenn unser sich entwickelndes Selbstgefühl mit den Trauma- und Überlebensanteilen unserer Mutter verstrickt.

Anstatt uns zu einem eigenständigen Menschen zu entwickeln und uns selbst abgegrenzt wahrzunehmen, lernen wir oft, uns vor allem am emotionalen Zustand unserer Mutter zu orientieren und daran, wie wir sein müssen, damit es ihr gut geht.

Die folgenden Beispiele zeigen einige typische Auswirkungen solcher traumatischen Dynamiken, die häufig bereits in der frühen Kindheit entstehen:

  • Eine gespaltene Psyche und ein widersprüchliches Selbstgefühl: Wenn sich unser Ich in einer verstrickten Bindungserfahrung entwickelt, spiegeln unsere inneren Anteile oft den Konflikt zwischen unserem eigenen Erleben und den Anteilen unserer Mutter, mit denen wir uns identifiziert haben (Broughton, 2021).

    Wenn wir zwischen verschiedenen Anteilen unseres Selbst wechseln, können wir sehr unterschiedliche emotionale und körperliche Zustände erleben. In unseren gesunden Anteilen fühlen wir uns vielleicht ruhig, verbunden und lebendig. In unseren Trauma- und Überlebensanteilen können wir uns plötzlich wertlos, verängstigt, hilflos oder völlig unzulänglich fühlen. Vielleicht erleben wir auch eine tiefe Verzweiflung oder das Gefühl, gar nicht existieren zu wollen (Schorr & Goldner, 2023). Diese gegensätzlichen Zustände können uns verwirren und es uns schwer machen, zu verstehen, wer wir eigentlich sind. Oft erleben wir die Gefühle und inneren Zustände unserer Mutter so, als wären es unsere eigenen. Es fällt uns dann schwer zu unterscheiden, was zu uns gehört und was wir durch die Identifizierung mit ihr übernommen haben. Unser Selbstgefühl kann sich dadurch fragmentiert und instabil anfühlen oder sogar ganz fehlen. In einigen Fällen können wir uns zum Beispiel sogar so fühlen, als ob wir keine eigene Identität haben, die unabhängig von unserer Mutter besteht.

  • Minderwertigkeitsgefühle und ein geringes Selbstwertgefühl: Wenn wir uns nicht willkommen fühlen oder so angenommen werden, wie wir sind, können wir diese Erfahrung auf unseren eigenen Wert beziehen. Anstatt zu erkennen, dass unsere Mutter uns aufgrund ihrer eigenen Traumabiografie nicht das geben kann, was wir eigentlich brauchen, fangen wir oft an zu glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt, dass wir nicht gut genug sind oder weniger wert sind als andere Menschen.

    Aus Sicht der IoPT lässt sich dies als eine Identifizierung mit der Ablehnung der Mutter verstehen. Wir erleben die Ablehnung dann nicht mehr als etwas, das von der Bindung her ausgeht, sondern richten sie gegen uns selbst und sehen uns als das Problem.

  • Ständige Wachsamkeit gegenüber den Gefühlen anderer: Wenn wir uns vor allem am emotionalen Erleben unserer Mutter orientieren, richtet sich unser Fokus unbewusst nach außen auf ihre Gefühle und Reaktionen, um die Verbindung zu ihr und ein Gefühl von Sicherheit aufrechtzuerhalten. Wir lernen oft, selbst kleinste Veränderungen in ihrer Stimmung, ihrem Gesichtsausdruck, ihrer Stimme oder ihrem Verhalten wahrzunehmen und uns entsprechend anzupassen, um Ablehnung, Enttäuschung oder Konflikte zu vermeiden.

    Mit der Zeit kann sich dieses Muster auf andere Beziehungen übertragen. Unsere Aufmerksamkeit bleibt dann ständig darauf gerichtet, wie es anderen geht und wie sie auf uns reagieren. Diese anhaltende Wachsamkeit kann unser Nervensystem in einem Zustand von Übererregung halten.

  • Emotionaler Rückzug und innere Taubheit: In einer verstrickten Beziehung kann es uns schwerfallen, mit unseren eigenen Gefühlen im Kontakt zu bleiben, wenn diese im Widerspruch zu unserem Bedürfnis nach Nähe zu unserer Mutter stehen. Wenn wir uns nach Nähe sehnen, diese aber wiederholt nicht bekommen, kann der emotionale Schmerz überwältigend werden. Als Säuglinge und kleine Kinder sind wir auf unsere Bezugspersonen voll und ganz angewiesen. Sie geben uns Sicherheit, Trost und Nähe. Wir können uns nicht einfach aus dieser Beziehung zurückziehen und haben nur sehr begrenzte Möglichkeiten, die Situation zu verstehen oder zu verändern.

    Deshalb unterdrücken wir möglicherweise nicht nur den Schmerz über die fehlende Bindung, sondern auch unsere Sehnsucht nach Nähe selbst. Wir ziehen uns innerlich zurück und entwickeln vielleicht die Überzeugung: ‘‘Alleine geht es mir besser’’. Aus traumasensibler Sicht sind Rückzug und emotionale Taubheit Schutzreaktionen unserer Psyche und unseres Nervensystems, die mit einem Zustand der Untererregung (hypoarousal) des Nervensystems einhergehen. Wir verlieren den Kontakt zu unseren Gefühlen und Körperempfindungen oder können nur schwer erkennen, was wir emotional erleben. Wenn wir unsere eigenen Gefühle kaum noch wahrnehmen, fehlt uns auch der grundlegende Zugang dazu, was wir brauchen, was für uns wichtig ist und wer wir sind.

  • Das Gefühl, uns unsere Existenz durch das Dasein für andere verdienen zu müssen: Wenn unsere Mutter uns vor allem auf Grundlage ihrer eigenen ungedeckten emotionalen Bedürfnisse begegnet, kann es sich für uns unbewusst so anfühlen, dass unser Wert davon abhängt, was wir ihr geben können. Vielleicht haben wir das Gefühl, sie trösten, für ihre emotionale Stabilität sorgen und verhindern zu müssen, dass sie sich einsam oder zurückgewiesen fühlt.

    Aufgrund ihrer eigenen unverarbeiteten Traumata und inneren Spaltungen kann unsere Mutter unsere eigenen Bedürfnisse und Eigenständigkeit unbewusst als Bedrohung erleben. Wir lernen dann oft, unsere eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und uns stark an sie anzupassen, um die Bindung zu ihr nicht zu gefährden.

  • Die eigenen Bedürfnisse unterdrücken und die innere Orientierung verlieren: Wenn wir uns ständig an den Gefühlen und Erwartungen unserer Mutter orientieren, kann es zunehmend schwieriger werden, unser eigenes Erleben überhaupt wahrzunehmen. Wir lernen, uns anzupassen, bevor wir erkennen, was wir selbst fühlen oder wollen. Unsere eigenen Wünsche und Vorlieben bleiben dabei oft unklar. Manchmal wissen wir tatsächlich überhaupt nicht, was wir wollen, weil es kaum möglich war, unsere eigenen Bedürfnisse als etwas Eigenständiges und Wichtiges kennenzulernen. Das kann dazu führen, dass wir Schwierigkeiten haben, Entscheidungen zu treffen, unseren eigenen Empfindungen zu vertrauen oder unsere Wünsche von den Erwartungen anderer zu unterscheiden.

Die Folgen früher psychischer Verstrickungen im Erwachsenenalter

Frühe psychische und emotionale Verstrickungen sind im Kern eine Folge eines Identitätstraumas. Werden diese nicht aufgearbeitet und integriert, können sie unser Leben bis ins Erwachsenenalter hinein erheblich beeinflussen.

Beispiele für mögliche Folgen sind:

  • Ein unsicheres oder unklares Selbstgefühl: Wir wissen vielleicht nicht, wer wir jenseits der Rollen sind, die wir für andere einnehmen. Es fällt uns schwer, mit unserem eigenen inneren Erleben in den Kontakt zu kommen, oder wir haben das Gefühl, keine klare eigene Identität zu fühlen.

  • Das Gefühl, nicht wirklich da oder mit unserem Körper verbunden zu sein: Wir fühlen uns vielleicht von unserem Körper, unseren Emotionen oder unserem eigenen Dasein abgeschnitten. Im Alltag können wir durchaus leistungsfähig, aktiv und erfolgreich sein und uns gleichzeitig so fühlen, als würden wir von außen auf unsere Leben blicken, und uns selbst aus einer gewissen Distanz beobachten, anstatt uns wirklich zu fühlen.

  • Ein tiefes Gefühl, unerwünscht zu sein oder nicht dazuzugehören: Es fällt uns schwer, wirklich zu spüren, dass wir willkommen sind, selbst wenn andere uns Liebe und Akzeptanz entgegenbringen. Möglicherweise tragen wir ein grundlegendes Gefühl in uns, keinen wirklichen Platz zu haben oder irgendwie nicht hierherzugehören.

  • Die grundlegende Überzeugung, dass mit uns etwas nicht stimmt: Wir schämen uns möglicherweise dafür, wer wir sind. Vielleicht fühlen wir uns grundsätzlich unzulänglich, irgendwie falsch oder nicht liebenswert, ohne zu verstehen, woher diese Gefühle kommen.

  • Die tiefe Angst, anderen zur Last zu fallen: Es fällt uns schwer, Fürsorge anzunehmen, eigene Bedürfnisse auszudrücken oder uns auf andere zu verlassen. Wir empfinden unsere Bedürfnisse möglicherweise als eine unzumutbare Belastung für andere, anstatt sie als selbstverständlichen Teil des Menschseins wahrzunehmen.

  • Ein widersprüchliches Verhältnis zur eigenen Existenz: Wir verspüren möglicherweise eine tiefe innere Ablehnung gegenüber dem eigenen Dasein, haben Schwierigkeiten, uns mit dem Leben verbunden zu fühlen, oder empfinden unsere Existenz an sich als irgendwie falsch.

  • Das Gefühl, uns unser Daseinsrecht verdienen zu müssen: Wir glauben möglicherweise, oft ohne es bewusst zu merken, dass wir nützlich, erfolgreich, fürsorglich oder für andere unverzichtbar sein müssen, um unseren Platz in der Welt zu rechtfertigen. Einfach wir selbst zu sein, fühlt sich dann nicht ausreichend an.

  • Schwierigkeiten zu erkennen, welche inneren Anteile tatsächlich zu uns gehören: Es fällt uns schwer, unsere eigenen Gefühle, Überzeugungen, Wünsche und Wahrnehmungen von denen unserer Mutter oder anderer Bezugspersonen und Menschen zu unterscheiden. Möglicherweise leben wir nach Erwartungen, die wir verinnerlicht haben, ohne zu erkennen, dass diese nicht unbedingt widerspiegeln, wer wir selbst sind.

Diese Erfahrungen können uns so vertraut sein, dass wir sie gar nicht als Ausdruck von frühem Trauma erkennen. Vor allem wenn unsere Beziehung zu unserer Mutter nach außen liebevoll erscheint oder wir keine bewussten Erinnerungen an belastende Erfahrungen aus unserer frühen Kindheit haben, ist es umso schwieriger tieferliegende Dynamiken zu erkennen und zu verstehen.

Mit unseren inneren Dynamiken arbeiten

In der IoPT-Therapie können wir Identifizierungen erforschen, die tief in unserer Psyche verankert sind. Wenn sich während einer Selbstbegegnung eine Identifizierung zeigt, können wir sie genauer betrachten, indem wir einen Gegenstand oder Resonanzgeber auswählen, der diese Person in unserer Psyche repräsentiert. Dadurch erhält eine zuvor unbewusste innere Dynamik eine sichtbare und greifbare Form. Während wir uns im Resonanzprozess mit dieser Identifizierung auseinandersetzen, können wir zunehmend wahrnehmen, wie diese unsere Gefühle, Körperempfindungen, Überzeugungen und die Beziehung zu uns selbst beeinflusst.

Indem wir diesen inneren Anteil nach außen bringen, also sichtbar machen, wie wir eine andere Person in unserer Psyche wahrnehmen, kann sich in uns etwas grundlegend verändern. Wenn wir beginnen, unser eigenes Erleben von den Perspektiven, Gefühlen und Erfahrungen der Person zu unterscheiden, mit der wir uns identifiziert haben, kann unser gesundes Ich zunehmend zum inneren Bezugspunkt werden, von dem aus wir uns selbst und unsere innere Welt wahrnehmen (Stjernswärd, 2021). Gefühle, Bedürfnisse und Impulse, die zuvor unterdrückt waren oder kaum zugänglich schienen, können wieder stärker spürbar werden. Auch die Energie, die im Traumateil in der Erstarrung feststeckte oder im Überlebensanteil in einer anhaltenden Mobilisierung gebunden war, kann sich allmählich lösen.

In diesem Prozess kann sich unser gesundes Ich den abgespaltenen und überforderten Traumaanteilen langsam zuwenden. Indem wir die damaligen Erfahrungen behutsam anerkennen, wahrnehmen und integrieren, können wir uns zunehmend dem zuwenden, was einst zu überwältigend war, um es zu verarbeiten. So entwickeln wir mehr und mehr die Fähigkeit, uns als eigenständige Menschen mit einer eigenen Wahrheit, eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen wahrzunehmen.

Wenn wir eine Identifizierung lösen, können wir uns allmählich aus der unbewussten Verstrickung mit einem anderen Menschen befreien. Wir können lernen, die Gefühle und den emotionalen Zustand anderer bewusst wahrzunehmen und uns auf sie einzustimmen, ohne uns dabei selbst zu verlieren oder ihre Erfahrungen unbewusst zu unseren eigenen zu machen. Der entscheidende Unterschied ist, dass wir dabei mit uns selbst verbunden bleiben und unser gesundes Ich weiterhin unser innerer Bezugspunkt ist, während wir gleichzeitig mit anderen Menschen im Kontakt sind. Dies ermöglicht uns gleichzeitig auch, Identifizierungen mit Menschen zu lösen, die uns verletzt haben. Dazu gehören auch Täter, deren Perspektiven, Einstellungen oder Verhaltensweisen wir möglicherweise als Überlebensstrategie in unserer Kindheit verinnerlicht haben, obwohl wir uns auf bewusster Ebene niemals dafür entscheiden würden, mit ihnen verbunden zu bleiben.

Schritt für Schritt können wir so eine Beziehung zu uns selbst entwickeln, die auf unserem eigenen Erleben beruht und nicht länger davon bestimmt wird, was wir einst von anderen übernehmen mussten, um zu überleben. 💛

✏️ Fragen zur Reflexion:

  1. Wie habe ich die emotionale Beziehung zu meiner Mutter in meiner Kindheit erlebt?

  2. Wie fühlt es sich heute an, wenn ich an meine Mutter denke oder mit ihr in Kontakt bin? Welche Gefühle und Körperempfindungen nehme ich dabei wahr?

  3. Wenn ich mir vorstelle, einfach ich selbst zu sein, ohne etwas leisten oder für andere tun zu müssen, was löst diese Vorstellung in mir aus?

  4. Was hilft meinem Körper, sich sicherer und mehr bei sich selbst zu fühlen?

Wenn dieser Artikel mit dir resoniert, bist du herzlich eingeladen, deine Gedanken, Reflexionen oder Fragen unten in den Kommentaren zu teilen.

Wenn du Unterstützung bei deinen eigenen Themen suchst biete ich 1:1 IoPT Traumatherapie- und somatische Sitzungen an, sowohl vor Ort in Oslo als auch online für internationale Klienten.

Mehr über meine Arbeit und aktuelle Angebote findest du hier.

Danke, dass du hier bist.

Julia 🌸

Literatur

Broughton, V. (2021). Trauma and identity: Identity oriented psychotrauma therapy: Theory and practice. Green Balloon Publishing.

Kirik, B. N. Y., Akdoğan, R., & Çimşir, E. (2026). Self-Coldness, Rather Than Self-Compassion, Mediates the Link between Parent–Child Emotional Enmeshment and Feelings of Inferiority. Mindfulness, 17, 2438 - 2449.

Ruppert, F. (2019). Who am I in a traumatised and traumatising society? Green Pharmacy Balloon Publishing.

Schorr, S., & Goldner, L. (2023). “Like stepping on glass”: A theoretical model to understand the emotional experience of childhood parentification. Family Relations.

Stanić, L., Branica, V., & Bulat, L. R. (2025). Conceptualising and Measuring Parentification. Psihologijske teme.

Stjernswärd, S. (2021). Getting to Know the Inner Self. Exploratory Study of Identity Oriented Psychotrauma Therapy—Experiences and Value From Multiple Perspectives. Frontiers in Psychiatry, 12.

Thompson, M. J., Platts, C. R., & Davies, P. T. (2024). Parent-child boundary dissolution and children's psychological difficulties: A meta-analytic review.. Psychological bulletin.

Next
Next

Warum wir es allen recht machen wollen: People-Pleasing aus einer trauma-informierten Perspektive verstehen