Warum wir es allen recht machen wollen: People-Pleasing aus einer trauma-informierten Perspektive verstehen
Sagst du manchmal „Ja“, obwohl du eigentlich „Nein“ sagen möchtest? Vielleicht merkst du, dass du dich übermäßig erklärst, sobald du eine Grenze setzt, oder dass du „Es ist schon in Ordnung“ sagst, obwohl es sich für dich eigentlich gar nicht in Ordnung anfühlt. Vielleicht passt du dich ganz automatisch an die Bedürfnisse, Stimmungen oder Erwartungen anderer an, selbst wenn du müde bist, dich unwohl fühlst oder eigentlich etwas ganz anderes möchtest. Oft fällt uns dabei überhaupt nicht auf, dass wir gerade versuchen, es allen anderen recht zu machen, weil diese Art, mit anderen in Beziehung zu sein, für uns so vertraut geworden ist.
Die Ursache für dieses Verhaltensmuster finden wir in unseren frühen Bindungserfahrungen, die unser Gefühl von Beziehung, Sicherheit und Verbundenheit wesentlich geprägt haben. People-Pleasing, im Deutschen auch als Ja-Sager, Harmoniesucht oder "es allen recht machen zu wollen" bezeichnet, ist daher eine Überlebensstrategie, die sich oft schon in unserer frühen Kindheit entwickelt. Dieser Artikel beleuchtet People-Pleasing aus einer trauma-informerten und somatischen Perspektive, und beschreibt, wie und warum sich diese Überlebsstrategie entwickelt, und was geschieht, wenn wir dabei zunehmend den Kontakt zu uns selbst verlieren.
People-Pleasing als traumabedingte Überlebensreaktion
Als Kinder sind wir in hohem Maße von unseren Eltern und primären Bezugspersonen abhängig. Sie sollten uns nicht nur mit Nahrung, einem Zuhause und körperlichem Schutz versorgen, sondern auch emotionale Verbindung, Ko-Regulation und Sicherheit geben, die wir brauchen, um ein gesundes Gefühl dafür zu entwickeln, wer wir sind. Als Kinder ist unser Fokus von Natur aus auf unsere Eltern ausgerichtet und wir lernen durch die Beziehung zu ihnen, uns selbst wahrzunehmen und zu verstehen. Wie Eltern auf unsere Gefühle, Bedürfnisse, Grenzen und unseren authentischen Ausdruck reagieren, prägt dabei maßgeblich unser sich entwickelndes Selbstbild, unsere Identität und unseren Bindungsstil.
Wenn unsere eigene Wahrnehmung und unser authentisches Erleben wiederholt auf Ablehnung, emotionale Unerreichbarkeit, Kritik, Bestrafung oder Gleichgültigkeit treffen, beginnen wir häufig, uns unbewusst anzupassen, um die Bindung zu unseren Eltern aufrechtzuerhalten. Anstatt uns in erster Linie an unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu orientieren, lernen wir, unseren Fokus mehr und mehr auf andere zu richten: Ist meine Mutter erschöpft und überlastet? Was braucht sie von mir? Ist mein Vater wütend oder verärgert? Was kann ich tun, damit es für ihn leichter wird? Was sollte ich sagen oder lieber nicht sagen, um einen Konflikt zu vermeiden? Mit der Zeit entwickeln sich so tief verankerte, unbewusste Überlebensstukturen in unserer Psyche die zum People-Pleasing führen.
Für uns als Kinder macht diese Anpassung sehr viel Sinn. Wir können uns nicht einfach von einer Bindungsperson trennen, von der wir abhängig sind, und auch emotional können wir uns nicht ohne Weiteres von unseren Eltern lösen. Unser Verhalten an das anzupassen, was gut, erwünscht und sicher ist, wird daher häufig zu einer zentralen Überlebensstrategie, um das Gefühl von Bindung in unseren frühen Beziehungen aufrechtzuerhalten. Das ist insbesondere deshalb so wichtig, weil uns als Kinder nur sehr begrenzte Möglichkeiten zur Verfügung stehen, uns auf andere Weise zu schützen. Wir lernen so schon früh, uns an den emotionalen Zustand unserer Bezugspersonen anzupassen, indem wir beispielsweise besonders aufmerksam auf kleinste Veränderungen in deren Stimmung, Tonfall, Gesichtsausdruck oder Verhalten reagieren.
Im Folgenden findest du häufige Beispiele dafür, warum sich People-Pleasing in der frühen Kindheit als Trauma-Überlebensstrategie entwickeln kann:
Bedingte Liebe und Kontrolle: Wenn ein Elternteil bestimmte Vorstellungen davon hat, wie das Kind sein sollte, und versucht, es entsprechend dieser Vorstellungen "zu erziehen", lernt das Kind, dass es vor allem dann geliebt, gesehen oder anerkannt wird, wenn es den Erwartungen von Mama/Papa entspricht. Das kann sich darauf beziehen, wie sich das Kind verhält, was es leistet, wie es aussieht oder welche Eigenschaften es zeigt. Das Kind beginnt unbewusst, die Seiten von sich zu unterdrücken, die nicht in das Bild der Eltern passen, um sich so weiterhin geliebt und angenommen zu fühlen.
Bedrohliche oder emotional dysregulierte Bezugspersonen: Wenn ein Elternteil grundsätzlich aggressiv ist oder auf Ungehorsam, Widerspruch oder emotionalen Ausdruck mit Wut, Drohungen, Einschüchterung oder Gewalt reagiert, lernt das Kind, dass es für seine eigene Sicherheit notwendig ist, das Elternteil ruhig zu halten und dessen Wut zu vermeiden. Sich gefügig, still oder besonders hilfsbereit zu verhalten, möglichst wenig Raum einzunehmen oder die Stimmung des Elternteils ständig im Blick zu haben, kann dann zu einer Möglichkeit werden, das Risiko von Konflikten und Gewalt zu verringern.
Wertschätzung für das, was man für andere tut: Manche Kinder lernen, dass ihr Wert davon abhängt, was sie für andere tun können. Das kann insbesondere dann eine Rolle spielen, wenn Eltern chronisch erschöpft sind, sehr viel arbeiten, mehrere Kinder haben oder tief in eigenen unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen verstrickt sind und dem Kind deshalb nicht die Aufmerksamkeit und Fürsorge geben können, die es braucht. Das Kind lernt daher zu helfen, Verantwortung für die Gefühle der Eltern zu übernehmen oder sich selbst weniger fordernd zu verhalten, um die Belastung für die Eltern zu verringern (Parentifizierung). Dabei kann sich beispielsweise die unbewusste Überzeugung entwickeln: „Wenn ich mich um Mama kümmere, hat sie vielleicht mehr Kapazität, sich um mich zu kümmern.“ In anderen Situationen spürt ein Kind möglicherweise, dass es von einem oder beiden Elternteilen nicht gewollt oder nicht wirklich willkommen war. Dem Elternteil zu gefallen, besonders hilfsbereit, erfolgreich oder unkompliziert zu sein, kann dann zu einer Möglichkeit werden, mit den schmerzhaften Gefühlen von Ablehnung und Verlassenwerden umzugehen. Gleichzeitig ist damit auch oft die Hoffnung und Illusion verbunden, sich die Liebe und Anerkennung, die wir als Kind brauchen, irgendwann doch verdienen zu können.
Wenn das Kind die emotionalen Bedürfnisse eines Elternteils erfüllen soll: Ein Elternteil kann (unbewusst) eine bestimmte Rolle und Erwartung auf das Kind projizieren, die das Kind dann übernimmt: beispielsweise das „gute Kind“ zu sein, Trost zu spenden oder die Familie zusammenzuhalten. Die eigenen Entwicklungsbedürfnisse des Kindes treten dabei mehr und mehr in den Hintergrund. So lernt das Kind, sich zunehmend daran zu orientieren, was andere von ihm brauchen, und die eigenen Bedürfnisse zu underdrücken.
Emotionale Vernachlässigung: Wenn unsere Gefühle und emotionalen Bedürfnisse als Kind wiederholt ignoriert, abgetan oder kaum wahrgenommen werden, führt dies of dazu, dass wir aufhören zu erwarten, dass andere überhaupt auf unser authentisches Erleben reagieren oder sich dafür interessieren. Stattdessen entwickeln wir oft eine gezielte Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse anderer, während wir gleichzeitig lernen, die eigenen Bedürfnisse herunterzuspielen oder zu unterdrücken. Mit der Zeit können sich unbewusste Überzeugungen entwickeln wie: „Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig“, „Ich bin nicht wichtig“, „Meine Gefühle sind zu viel“ oder „Ich sollte von anderen nichts brauchen oder Hilfe erwarten.“ Anderen zu gefallen und möglichst wenig Bedürfnisse zu haben, kann dann zu einer Möglichkeit werden, die Bindung aufrechtzuerhalten und sich gleichzeitig vor dem tiefen inneren Schmerz zu schützen, dass eigene Bedürfnisse nicht gesehen und erfüllt werden.
People-Pleasing und unser Nervensystem
Trauma wirkt sich nicht nur auf unsere Psyche, unsere Gedanken und unsere Überzeugungen aus, sondern beeinflusst auch unser Nervensystem und die Art und Weise, wie unser Körper auf wahrgenommene Bedrohungen reagiert. Da sich People-Pleasing häufig bereits in der frühen Kindheit als traumabedingte Überlebensstrategie entwickelt, verankern wir dieses Reaktionsmuster auch tief in unserem Körper und Nervensystem. So entwickeln wir automatische und autonome Reaktionen, die oft aktiviert werden, bevor wir überhaupt bewusst wahrnehmen, was gerade geschieht.
Aus der Perspektive unseres Nervensystems kann People-Pleasing als ein sogenannter Mischzustand beschrieben werden, bei dem gleichzeitig Elemente von Überaktivierung (Hyperarousal) und Unteraktivierung (Hypoarousal) auftreten. Deshalb kann es besonders schwierig sein, unsere autonomen Reaktionen zu erkennen und zu regulieren.
Die Übereregung beim People-Pleasing zeigt sich häufig in einer starken Ausrichtung auf das, was im Außen geschieht. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich darauf, mögliche Anzeichen für eine “Bedrohung” wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Dadurch entsteht oft eine hohe innere Aktivierung und ein Druck, schnell zu erkennen, was gebraucht wird, sich anzupassen und so zu handeln, dass in uns wieder ein Gefühl von innerer Sicherheit entsteht.
Anzeichen für so eine Überaktivierung erkennen wir beispielsweise daran:
wir beobachten und suchen ständig nach Veränderungen in der Stimmung, im Gesichtsausdruck oder im Tonfall einer anderen Person
wir versuchen die Bedürfnisse anderer zu erkennen, noch bevor sie diese selbst äußern
wir verspüren einen inneren Drang, sofort reagieren zu müssen, den anderen zu beruhigen oder etwas wieder in Ordnung zu bringen
wir versuchen ständig, Konflikte oder Enttäuschungen zu verhindern
wir übernehmen übermäßig viel Verantwortung oder leisten ständig mehr, als eigentlich notwendig wäre
wir versuchen, Probleme zu lösen um die Harmonie wiederherzustellen
Gleichzeitig können neben dieser starken Ausrichtung auf die andere Person und das, was um uns herum geschieht, auch Elemente von Untereregung in uns auftreten. Obwohl wir weiterhin sehr aufmerksam wahrnehmen, was um uns herum geschieht, kann der Zugang zu unserem eigenen inneren Erleben zunehmend eingeschränkt sein. Dadurch fällt es uns möglicherweise schwer, im jeweiligen Moment wahrzunehmen, was wir fühlen, brauchen oder wollen.
Dieser innere Zustand von Untereregung kann sich beispielsweise darin zeigen, dass wir:
den Zugang zu unseren eigenen Bedürfnissen oder Vorlieben verlieren
automatisch zustimmen oder uns gefügig verhalten
wie erstarrt sind, wenn wir etwas sagen oder eine Grenze setzen möchten
uns klein, machtlos oder handlungsunfähig fühlen
Schwierigkeiten haben, die richtigen Worte zu finden
Wut oder andere Emotionen unterdrücken
den Kontakt zu unserem Körper und unseren Empfindungen verlieren
uns taub, innerlich leer oder emotional distanziert fühlen
Zu verstehen, dass People-Pleasing ein Zustand aus jeweils Über- und Untereregung ist, macht auch deutlich, warum People-Pleasing oft so schwer für uns selbst zu erkennen ist, während es gerade geschieht. Unsere Aufmerksamkeit kann so stark auf die andere Person ausgerichtet sein, dass wir den Zugang zu unserem eigenen Erleben verlieren. Erst im Nachhinein, wenn die Begegnung vorbei ist und wieder mehr Raum für uns Selbst entsteht und wir wieder einen regulierteren Zustand zurückkommen, bemerken wir vielleicht, was wir eigentlich gefühlt, gebraucht oder gewollt hätten.
Was kann People-Pleasing im Alltag triggern?
People-Pleasing Verhalten kann in ganz unterschiedlichen Situationen aktiviert werden. Häufig vor allem dann, wenn wir das subjektive Empfinden haben, dass unsere Bindung, Beziehung, Zugehörigkeit oder gefühlte Sicherheit bedroht ist. Was wir als bedrohlich erleben, kann dabei von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Es hängt unter anderem davon ab, was wir in unserer frühen Kindheit erfahren haben und was unser Nervensystem und unsere Psyche mit Ablehnung, Konflikt oder Verlust von Bindung verknüpfen.
Aus der Perspektive der IoPT (Identitätsorientierten Psychotraumatheorie) lässt sich dies im Zusammenhang mit der von Franz Ruppert beschriebenen Spaltung der Psyche verstehen, die sich infolge von Trauma entwickelt (Ruppert, 2019). Traumatische Erfahrungen können zu einer Fragmentierung unserer Psyche und unseres inneren Erlebens und unserer Identität führen. Dabei tragen die Traumaanteile die überwältigenden Gefühle und Erfahrungen, die zum damaligen Zeitpunkt nicht integriert werden konnten. Gleichzeitig entwickeln wir Überlebensanteile, deren Strategien uns davor schützen sollen, erneut mit diesen schmerzhaften Erfahrungen in den Kontakt zu kommen (Ruppert, 2019).
Wenn eine Situation in der Gegenwart an etwas aus unserer Vergangenheit erinnert (was wir noch nicht vollständig integriert haben), können unsere Überlebensanteile aktiviert werden und versuchen, uns um jeden Preis zu schützen. In solchen Momenten reagiert unser System nicht nur auf das, was gerade tatsächlich geschieht, sondern vor allem auch auf das, was die aktuelle Situation aufgrund unserer früheren Erfahrungen für uns bedeutet.
Häufige Trigger sind vor allem:
Angst vor Ablehnung: Die Möglichkeit, dass jemand uns ablehnen, kritisieren, nicht mögen oder verlassen könnte, kann ein starkes Bedürfnis auslösen, uns anzupassen, um dies zu verhindern (Kuang et al., 2025).
Unsicherheit in der Bindung: Wenn wir in unseren frühen Beziehungen erfahren haben, dass Nähe und Bindung nicht zuverlässig sind oder davon abhängen, wie wir uns verhalten, können bereits kleine Anzeichen von Distanz oder Ablehnung eine starke Angst vor dem Verlassenwerden in uns auslösen und zu People-Pleasing führen (Zhang, 2025).
An Bedingungen geknüpfte Anerkennung: Wenn wir gelernt haben, dass wir vor allem dann Liebe, Aufmerksamkeit oder Anerkennung bekommen, wenn wir erfolgreich, hilfsbereit, gehorsam oder „brav“ sind, versuchen wir häufig auch später im Lebem, Anerkennung zu bekommen, indem wir die Erwartungen anderer erfüllen (Sun, 2026).
Angst vor Konflikten: Meinungsverschiedenheiten, Spannungen, Wut oder bereits die Möglichkeit, jemanden zu verärgern, können das Bedürfnis auslösen, uns selbst zurückzunehmen, nachzugeben oder die Harmonie möglichst schnell wiederherzustellen (Bailey et al., 2023).
Die Enttäuschung eines anderen: Wenn wir wahrnehmen, dass jemand mit uns oder einer unserer Entscheidungen unzufrieden ist, können starke Gefühle von Schuld, Scham oder Angst entstehen. Das kann sogar unmittelbar der Impuls aktivieren, unsere eigene Entscheidung wieder zu ändern.
Das Gefühl, für andere verantwortlich zu sein: Wir können das Gefühl haben, dafür verantwortlich zu sein, dass es anderen gut geht, sie sich wohlfühlen oder zufrieden sind. Besonders stark kann dieses Muster sein, wenn wir diese Rolle bereits aus unserer Kindheit kennen.
Autorität und Machtunterschiede: Situationen mit einem Elternteil, Partner, Vorgesetzten, Lehrer oder einer anderen Person, die mehr Macht oder Einfluss hat, können schnell alte Muster von extremer Anpassung und Unterordnung aktivieren.
Unsicherheit in Beziehungen: Schon die Ungewissheit darüber, wie jemand auf uns reagieren wird, kann uns triggern. Besonders dann, wenn wir in unserer frühen Kindheit erlebt haben, dass die Reaktionen anderer unvorhersehbar waren.
Viele dieser hier beschriebenen Trigger können erstaunlich subtil sein. Manchmal ist es kein offensichtlicher Konflikt oder eine direkte Ablehnung, was unser People-Pleasing Verhalten triggert, sondern eine Veränderung im Tonfall, eine verspätete Antwort, ein bestimmter Gesichtsausdruck, eine Bitte, die uns schwerfällt abzulehnen, oder einfach die Möglichkeit, dass jemand von uns enttäuscht sein könnte.
People-Pleasing im Erwachsenenalter
Wenn wir älter werden, prägen die Überlebensstrategien, die wir in unserer Kindheit entwickelt haben, häufig weiterhin die Art und Weise, wie wir mit anderen in Beziehung treten. Gerade People-Pleasing kann ganz selbstverständlich Teil unseres Alltags, unserer Entscheidungen und unserer Beziehungen werden, ohne dass uns dies überhaupt bewusst ist.
Ein häufiges Merkmal ist, dass wir automatisch zuerst nach außen schauen, bevor wir in uns selbst hinein fühlen. Wie geht es der anderen Person? Was braucht sie? Was könnte diese Situation leichter machen? Wie würde sie reagieren, wenn ich Nein sage? Was erwartet sie von mir? Diese Orientierung nach außen kann so vertraut werden, dass wir kaum noch bemerken, wie wenig Raum dabei für die Frage bleibt, wie es uns selbst eigentlich geht und was wir brauchen.
Tatsächlich geht es beim People-Pleasing oft gar nicht wirklich um die andere Person. Wir sagen oft nicht deshalb Ja, weil wir es wirklich möchten oder weil wir so viel zu geben haben, sondern weil ein Nein uns mit Gefühlen konfrontieren würde, die für uns schwer auszuhalten sind. Wir kommen vielleicht mit Schuldgefühlen, Scham, oder Angst in den Kontakt, oder haben die Befürchtung, dass die andere Person enttäuscht oder wütend wird und uns vielleicht sogar ablehnen könnte. Wenn wir Ja sagen, kann sich deshalb unmittelbar ein Gefühl der Erleichterung einstellen: Wir haben so unangenehme Gefühle vermieden und gleichzeitig das vermeintliche Gefühl von Verbindung und Sicherheit mit der anderen Person erhalten beziehungsweise wiederhergestellt.
Wie bereits beschrieben, ist People-Pleasing eine erlernte Überlebensreaktion aus der Kindheit und zugleich eine autonome Anpassung unseres Nervensystems an traumatische Erfahrungen. Als Erwachsene reagieren wir jedoch häufig weiterhin auf Situationen in der Gegenwart, als wäre die ursprüngliche Bedrohung noch immer da.
Typische Beispiele für People-Pleasing-Verhaltensweisen im Erwachsenenalter zeigen sich häufig in folgenden Bereichen:
In Beziehungen:
Ja sagen, obwohl wir eigentlich Nein meinen
Schwierigkeiten haben, unsere eigenen Bedürfnisse auszudrücken
Meinungsverschiedenheiten oder schwierige Gespräche vermeiden
ständig darauf achten, ob jemand über uns verärgert ist
uns für die Gefühle anderer verantwortlich fühlen
uns selbst verändern, um die Nähe zu einer anderen Person aufrechtzuerhalten
uns schuldig fühlen, wenn jemand von uns enttäuscht ist
Verhalten tolerieren, mit dem wir uns eigentlich nicht wohlfühlen
Im beruflichen Umfeld:
zu viel Verantwortung übernehmen
Schwierigkeiten haben, um Hilfe zu bitten
übermäßig flexibel mit unserer Zeit und unseren eigenen Grenzen umgehen
Angst haben, Kollegen oder Vorgesetzte zu enttäuschen
uns übermäßig vorbereiten oder mehr zu arbeiten, als eigentlich notwendig wäre
Kritik als besonders belastend erleben
uns dafür verantwortlich fühlen, dass es im Team allen gut geht und Harmonie herrscht
zu der Person werden, auf die sich alle verlassen
Im Alltag:
Schwierigkeiten haben, Entscheidungen zu treffen
unsere Pläne automatisch an die Bedürfnisse oder Wünsche anderer anpassen
unsere eigenen Vorlieben herunterspielen oder ihnen wenig Bedeutung beimessen
uns entschuldigen, obwohl wir nichts falsch gemacht haben
uns übermäßig erklären
unsere Antwort davon abhängig machen, was wir glauben, dass die andere Person hören möchte
Mit der Zeit können selbst scheinbar einfache Fragen erstaunlich schwierig werden: Was möchte ich? Was fühle ich? Was brauche ich? Was ist für mich in Ordnung? Was denke ich eigentlich selbst? An diesem Punkt gehen die Folgen von People-Pleasing über die Schwierigkeit hinaus, klare und gesunde Grenzen zu setzen und aufrechtzuerhalten. Die tiefere Folge ist ein schleichender Verlust der Verbindung zu unserem authentischen Selbst. Je stärker wir unser Verhalten darauf ausrichten, die Bindung zu anderen aufrechtzuerhalten, desto mehr lernen wir oft, außerhalb von uns selbst nach Orientierung zu suchen: Wie sollten wir sein? Was sollten wir fühlen? Wie sollten wir uns verhalten?
Der Unterschied zwischen Fürsorge und People-Pleasing
Für andere Menschen da zu sein, ist ein wichtiger, natürlicher und gesunder Teil menschlicher Beziehungen. Wir können rücksichtsvoll, hilfsbereit, großzügig und aufmerksam gegenüber den Bedürfnissen anderer sein, ohne uns dabei selbst zu verlieren. Der Unterschied liegt weniger darin, was wir tun, sondern vielmehr darin, was uns zu diesem Verhalten bewegt.
Es kann Situationen geben, in denen wir für einen Menschen, der uns wichtig ist, tatsächlich viel mehr tun oder übernehmen, als wir normalerweise tun würden. Ein Freund macht vielleicht gerade eine schwierige Zeit durch, ein Familienmitglied ist krank oder ein Mensch, den wir lieben, braucht vorübergehend mehr Unterstützung als sonst. In solchen Situationen können wir uns bewusst dafür entscheiden, unsere eigenen Bedürfnisse für eine gewisse Zeit zurückzustellen, weil die Umstände dies erfordern. Auch wenn wir das Gefühl haben, helfen zu müssen, bedeutet das nicht automatisch, dass wir People-Pleasing betreiben. Eine vorübergehende Reaktion auf eine bestimmte Situation unterscheidet sich von einem wiederkehrenden Muster, bei dem wir unsere eigenen Bedürfnisse aufgeben, um Verbindung, Anerkennung oder Sicherheit aufrechtzuerhalten.
Wenn wir uns aus unserem gesunden Selbst heraus um jemanden kümmern, sind unsere Handlungen aus eigenem Antrieb gewählt. Wir können die Bedürfnisse der anderen Person berücksichtigen und gleichzeitig mit unseren eigenen Bedürfnissen verbunden bleiben. Wir können helfen, wenn wir die Kraft und die Kapazität dafür haben, und wir können ebenso Nein sagen, wenn sich etwas für uns nicht richtig anfühlt oder wir nicht die Ressourcen haben, die es dafür braucht.
People-Pleasing hingegen wird meist von einem inneren Bedürfnis nach Sicherheit, Verbindung oder Anerkennung angetrieben. Wir helfen, weil wir das Gefühl haben, helfen zu müssen, weil wir Angst davor haben, jemanden zu enttäuschen, oder weil ein Nein Schuldgefühle, Angst, Scham oder die Angst vor Ablehnung auslöst. Von außen kann dieses Verhalten fürsorglich wirken, während sich unser inneres Erleben dabei ganz anders anfühlen kann.
Im Folgenden findest du einige Beispiele, die den Unterschied zwischen echter Fürsorge und People-Pleasing verdeutlichen.
People-Pleasing verstehen und ändern
Wenn wir unsere People-Pleasing-Muster besser verstehen möchten, müssen wir über das eigentliche Verhalten hinausblicken. Anstatt uns nur zu fragen: „Wie kann ich aufhören, es allen recht machen zu wollen?“, können wir beginnen, zu erkunden: „Was geschieht in mir, wenn ich das Gefühl habe, nicht Nein sagen zu können?“ und „Wovor versuche ich mich in diesem Moment zu schützen?“
Ein besseres Verständnis unserer inneren Dynamiken, die eng mit unseren frühen Bindungserfahrungen verbunden sind, kann uns dabei helfen zu erkennen, warum bestimmte Situationen so starke Reaktionen in uns auslösen, selbst wenn wir auf bewusster Ebene wissen, dass wir in der Gegenwart sicher sind. Aus der Perspektive der IoPT bedeutet dies auch, offen und vorsichtig unsere Traumaanteile zu erkunden, die unterdrückte Erfahrungen und Gefühle in sich tragen, und zum damaligen Zeitpunkt nicht verarbeitet werden konnten, und gleichzeitig auch unsere Überlebensanteile zu erkennen, die sich entwickelt haben, um uns davor zu schützen, wieder mit diesen Erfahrungen in den Kontakt zu kommen.
Unser People-Pleasing Verhalten zu ändern bedeutet daher auch, einen tieferen Kontakt zu uns selbst zu entwickeln, und zudem was in uns geschieht. Je mehr wir nach und nach lernen, mit uns selbst verbunden zu bleiben, auch wenn überwältigende oder anangenehme Gefühle auftauchen, desto weniger brauchen wir unsere alten Überlebensstrategien.
Das Ziel ist also, unsere Fähigkeit zu stärken, mit uns selbst verbunden zu bleiben und gleichzeitig auch mit anderen Menschen in Verbindung zu sein. So können wir nach und nach gesündere Beziehungen aufbauen, in denen wir uns nicht länger selbst aufgeben müssen, um dazuzugehören.
✏️ Fragen zur Reflexion:
In welchen Situationen bemerke ich, dass ich automatisch „Ja“ sage, obwohl ich eigentlich lieber „Nein“ sagen würde?
Was geschieht in meinem Körper, wenn ich spüre, dass jemand von mir enttäuscht, verärgert oder mit mir unzufrieden sein könnte?
Gibt es etwas, das mir dabei hilft, mich innerlich sicher genug zu fühlen, um gesunde Grenzen für mich selbst zu setzen?
Wer bin ich, wenn ich nicht für andere hilfreich, entgegenkommend oder unverzichtbar sein muss?
Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, diesen Artikel zu lesen. Wenn du Gedanken, Fragen oder persönliche Erfahrungen zu diesem Thema teilen möchtest, freue ich mich, in den Kommentaren von dir zu lesen.
Und wenn du Unterstützung zu deinen eigenen Themen suchst, biete ich Online-Sitzungen für Klienten weltweit sowie Sitzungen vor Ort in Oslo an. Buche gerne ein gratis Einfühungsgespräch, falls du Fragen hast und mich vorab gerne persönlich kennenlernen möchtest.
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Julia
Literatur
Bailey, R., Dugard, J., Smith, S. F., & Porges, S. (2023). Appeasement: replacing Stockholm syndrome as a definition of a survival strategy. European Journal of Psychotraumatology, 14.
Kuang, X., Li, H., Luo, W., Zhu, J., & Ren, F. (2025). The Mental Health Implications of People‐Pleasing: Psychometric Properties and Latent Profiles of the Chinese People‐Pleasing Questionnaire. PsyCh Journal, 14, 500 - 512.
Ruppert, F. (2019). Who am I in a traumatised and traumatising society? Green Pharmacy Balloon Publishing.
Sun, R. (2026). The Relationship between Childhood Emotional Neglect and Adolescent People-Pleasing. Academic Journal of Humanities & Social Sciences.
Zhang, Y. (2025). The Role of Attachment Insecurity in People-Pleasing Behaviors. Lecture Notes in Education Psychology and Public Media.