IoPT verstehen: Grundlagen, Methode und häufige Fragen zur Identitätsorientierten Psychotraumatherapie

Die Identitätsorientierte Psychotraumatherapie (IoPT) weckt bei vielen Menschen Neugier und wirft gleichzeitig ganz unterschiedliche Fragen auf. Manche entdecken IoPT zum ersten Mal und möchten verstehen, was hinter diesem Ansatz steckt und wie er funktioniert. Andere haben bereits eigene Erfahrungen mit der Methode gemacht und möchten einzelne Grundlagen der Theorie und therapeutischen Arbeit genauer verstehen.

In diesem Artikel möchte ich die Grundlagen der IoPT näher erläutern, den therapeutischen Prozess Schritt für Schritt beschreiben und einige der Fragen beantworten, die mir von Klienten und Lesern besonders häufig gestellt werden. Ich hoffe, dass dieser Artikel sowohl einen verständlichen und praxisnahen Einstieg für Menschen bietet, die IoPT gerade erst kennenlernen, als auch neue Perspektiven für diejenigen eröffnet, die sich bereits intensiver mit der Methode beschäftigen.

Um besser zu verstehen, wie wir in der IoPT arbeiten, ist es hilfreich, zunächst eine grundlegende Frage zu betrachten: Wie versteht IoPT Trauma? Diese Perspektive hilft uns zu verstehen, wie traumatische Erfahrungen unsere Identität prägen können und warum es im Heilungsprozess so wichtig ist, wieder Zugang zu den Anteilen von uns zu finden, die durch Trauma von unserem Bewusstsein getrennt wurden.

Was verstehen wir unter Trauma?

Mit dem Wort Trauma verbinden viele Menschen zunächst einschneidende Ereignisse wie schwere Unfälle, Krieg oder Naturkatastrophen. Solche Erfahrungen können zweifellos traumatisch sein. Trauma wird jedoch nicht allein durch das Ereignis selbst bestimmt. Es beschreibt vielmehr das, was in uns geschieht, wenn eine Erfahrung unsere Möglichkeiten, damit umzugehen, übersteigt und die Erfahrung so nicht vollständig verarbeitet und integriert werden kann.

Trauma kann entstehen, wenn eine Erfahrung uns überfordert, zu plötzlich oder zu intensiv geschieht oder über einen längeren Zeitraum anhält. Es kann auch dann entstehen, wenn uns die Zeit, Unterstützung, der Schutz, die emotionale Resonanz oder die inneren und äußeren Ressourcen fehlen, die wir brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten. Aus Sicht der IoPT sprechen wir von Trauma, wenn eine überwältigende Erfahrung zu einer Fragmentierung der Psyche führt. Entscheidend ist also, dass die Erfahrung nicht nur belastend oder schmerzhaft war, sondern dass sie so überwältigend war, dass Teile unseres Ichs voneinander getrennt wurden, um das Erlebte bewältigen zu können.

Besonders deutlich zeigt sich dies in der frühen Kindheit. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich unser Nervensystem noch in der Entwicklung, und wir sind in unseren frühen Lebensjahren in besonderem Maße auf unsere Bezugspersonen angewiesen, um Sicherheit, Regulation und Bindung zu erfahren.

Was ist die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie & Therapie (IoPT)?

Die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie und -Therapie (IoPT) verbindet ein theoretisches Modell mit einem tief traumainformierten therapeutischen Ansatz. Beide wurden von Professor Dr. Franz Ruppert, einem deutschen Psychologen und Psychotherapeuten, entwickelt. IoPT baut auf etablierten Erkenntnissen der Trauma- und Bindungsforschung auf sowie auf Rupperts eigener langjähriger Arbeit zu Trauma, Identitätsentwicklung und Aufstellungsarbeit.

Im Zentrum der IoPT steht das Verständnis, dass traumatische und überwältigende Erfahrungen, insbesondere während der Schwangerschaft, der Geburt, im Säuglingsalter und in der Kindheit, die Entwicklung unserer Identität, unserer Beziehungen und wie wir uns selbst und die Welt um uns herum erleben, tiefgreifend beeinflussen können. IoPT Therapie bietet einen Raum für die innere Auseinandersetzung mit uns selbst und kann dabei helfen, die tieferen Ursachen von Symptomen und persönlichen Herausforderungen besser zu verstehen. Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, wieder in eine tiefere Verbindung mit sich selbst zu kommen, traumatische Erfahrungen zu integrieren und die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung, zu gesunden Beziehungen und zu einem authentischen Leben zu stärken.

Ein zentrales Konzept der IoPT ist Franz Rupperts Modell der gespaltenen Psyche nach einer traumatischen Erfahrung (siehe Abbildung unten). Nach diesem Modell wird deutlich, wie Trauma unsere Psyche in verschiedene innere Anteile spaltet. Anstatt als zusammenhängendes Ganzes zu funktionieren, organisieren sich die unterschiedlichen psychischen Anteile so, dass sie jeweils bestimmte Funktionen übernehmen. Dabei handelt es sich um eine natürliche Überlebensreaktion die deutlich zeigt, welche bemerkenswerte Fähigkeit unsere Psyche besitzt, sich in traumatischen Situationen zu schützen.

In der IoPT werden drei Arten innerer psychischer Anteile unterschieden: unsere gesunden Anteile, Überlebensanteile und Traumaanteile. Auch wenn wir diese Bereiche getrennt voneinander beschreiben, sind sie miteinander verbunden und gehören alle zu derselben Person. Unsere inneren psychischen Anteile haben sich als Überlebensstrategie auf traumatische Erfahrungen im Laufe unseres Lebens entwickelt.

Traumaanteile

Traumaanteile tragen die überwältigenden Gefühle, Körperempfindungen und unbewussten (impliziten) Erinnerungen an traumatische Erfahrungen, die wir zum damaligen Zeitpunkt nicht verarbeiten konnten. Daher hängen diese psychischen Anteile in der Entwicklungsphase fest, in der die Traumatisierung stattgefunden hat.

Wenn ein Traumaanteil aktiviert wird, können plötzlich sehr intensive Gefühle oder Körperempfindungen auftreten. Oft passt diese emotionale oder körperliche Intensität nicht zu dem, was gerade wirklich im Außen geschieht. Wir können in diesen Momenten zum Beispiel starke Hilflosigkeit, Angst, Traurigkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Wut, Panik, Scham oder eine tiefe Einsamkeit empfinden. Häufig können wir dabei nicht erkennen, woher diese Gefühle und Reaktionen ursprünglich kommen und dass sie eigentlich mit früheren Erfahrungen zusammenhängen. Dass Traumaanteile spontan getriggert werden können, ist eine ganz normale Reaktion unserer Psyche und unseres Nervensystems, weshalb wir unbewusst immer wieder zwischen unterschiedlichen psychischen Anteilen wechseln.

Überlebensanteile

Unsere Überlebensanteile entwickeln sich, um uns vor dem Schmerz der in unseren Traumaanteilen gespeichert ist, zu schützen. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, uns zu ermöglichen, im Alltag zu funktionieren und unsere Beziehungen aufrechtzuerhalten. Vor allem in unserer Kindheit haben unsere Überlebensanteile eine wesentliche Bedeutung, da wir für unser Überleben auf unsere Bezugspersonen angewiesen sind, auch wenn es oft genau diese Personen sind, die uns (unbewusst) traumatisieren.

Unsere Überlebensanteile funktionieren, indem sie traumatische Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle und Körperempfindungen unterdrücken, uns davon ablenken, Gefühle und Erfahrungen verdrängen, verleugnen oder herunterspielen. Viele Strategien, die uns früher geholfen haben, mit schwierigen Erfahrungen zurechtzukommen, können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben, auch wenn sie heute oft nicht mehr hilfreich sind.

Häufige Überlebensstrategien sind zum Beispiel:

  • Perfektionismus; es allen recht machen wollen (People-Pleasing); kontrollierendes Verhalten; emotionale Taubheit; Dissoziation; Identifikation mit den Gefühlen/Gedanken oder Verhaltensmustern anderer; übermäßiges Arbeiten; ein übermäßiges Verantwortungsgefühl; Abhängigkeiten & Suchtverhalten; zwanghaftes Verhalten; selbstverletzendes Verhalten; depressive Zustände; Co-Abhängigkeit…

Gesunde Anteile

Unsere gesunden Anteile sind mit unserer Lebensenergie, Entwicklung und authentischen Entfaltung unseres Selbst verbunden. Sie ermöglichen uns, präsent wahrzunehmen, was im Hier und Jetzt geschieht, unsere Erfahrungen zu reflektieren und bewusst auf Situationen zu reagieren, anstatt automatisch aus alten Überlebensstrategien heraus zu handeln.

Unsere gesunden Anteile, welche auch als unser gesundes Ich bezeichnet werden, helfen uns dabei, unsere eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Gefühle angemessen auszudrücken, gesunde Grenzen zu setzen, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und echte, aufrichtige Beziehungen zu führen. Sie sind von Natur aus neugierig und mitfühlend, offen für neue Erfahrungen und in der Lage, Neues aufzunehmen und in unsere bisherigen Erfahrungen zu integrieren.

In der IoPT geht es darum, unser gesundes Ich zu stärken. Auf diese Weise können wir nach und nach wieder Zugang zu den Erfahrungen bekommen, die in den Traumaanteilen gespeichert sind, und diese Erfahrungen langsam integrieren. Gleichzeitig lernen wir, unsere Überlebensanteile zu erkennen und besser zu verstehen, welche Funktion sie ursprünglich für uns hatten. Dadurch können wir auch lernen mit unseren Überlebensstrategien zunehmend bewusster umzugehen.

Die Anliegenmethode und Resonanz

Ein wesentliches Merkmal der IoPT Therapie ist die von Professor Dr. Franz Ruppert entwickelte Anliegenmethode. Jede Selbstbegegnung, auch Resonanzprozess genannt, beginnt mit einem persönlich formulierten Anliegen des Klienten. Das eigene Anliegen in den Mittelpunkt zu stellen, ist ein wichtiger Bestandteil der therapeutischen Arbeit. Gerade im Zusammenhang mit Trauma kann dadurch unsere Fähigkeit gestärkt werden, uns selbst wieder mehr wahrzunehmen, eigene Bedürfnisse zu erkennen und zunehmend selbstbestimmter zu handeln.

Ein Anliegen besteht meist aus einem kurzen Satz, einer Frage oder einigen Worten. Es beschreibt, was der Klient in seinem Prozess näher betrachten, bearbeiten und verstehen möchte. Das Anliegen kann sich zum Beispiel auf ein wiederkehrendes Muster im eigenen Leben beziehen, eine innere Überzeugung, ein schwieriges Gefühl, eine Beziehung oder ein bestimmtes Symptom. Manchmal steht auch einfach der Wunsch im Mittelpunkt, sich selbst besser zu verstehen, anzunehmen oder fühlen zu können.

Die einzige „Regel“ bei der Formulierung eines Anliegens ist, dass es das Ich enthalten sollte. Denn das eigene Ich bildet den zentralen Bezugspunkt in unserer Psyche. Hier sind einige Bespiele von möglichen Anliegen aus der Praxis:

  • Ich fühle mich von mir selbst getrennt.

  • Ich möchte ich selbst sein

  • Warum kann ich nachts nicht schlafen?

  • Ich habe Schmerzen in der Schulter

  • Ich Panik.

  • Ich Ursache Migräne

Die IoPT Therapie bezieht sich darauf, dass jedes Wort eines Anliegens mit unseren unbewussten psychischen und körperlichen Erfahrungen verbunden ist. Durch Resonanz können diese Worte einen Zugang zu unbewussten Erinnerungen, Gefühlen, Körperempfindungen, Überzeugungen und inneren Dynamiken ermöglichen, die uns bisher vielleicht noch nicht bewusst zugänglich waren.

Nachdem das eigene Anliegen formuliert wurde, wählt der Klient bis zu drei Elemente daraus aus, die er in der Selbstbegegnung näher beleuchten möchte. Ein Element kann ein einzelnes Wort oder auch ein Satzzeichen aus dem Anliegen sein. Diese ausgewählten Elemente bilden den Ausgangspunkt für den Resonanzprozess (die Selbstbegegnung).

In der IoPT Therapie beschreibt Resonanz unsere menschliche Fähigkeit, in den Kontakt mit unseren unbewussten inneren Erfahrungen, Anteilen, Gefühlen und Wahrnehmungen zu kommen, die über unser bewusstes Denken hinausgehen. Anstatt etwas zu analysieren, zu interpretieren oder mit dem Verstand nach Erklärungen zu suchen, ermöglicht Resonanz, dass sich in Bezug auf die ausgewählten Elemente des Anliegens spontan innere Erfahrungen zeigen können. Das können Gefühle, Körperempfindungen, Impulse, Bewegungen, innere Bilder, Erinnerungen oder Gedanken sein. In einer Gruppensitzung wählt der Klient Resonansgeber aus, also andere Teilnehmer, die mit jeweils einem Element des Anliegens in Resonanz gehen. Während des Prozesses drücken die Resonanzgeber verbal und körperlich aus, was sie intuitiv wahrnehmen. Sie benötigen dafür im Vorraus keine Informationen über die persönliche Geschichte des Klienten.

In Einzelsitzungen arbeitet der Klient mit der Selbstresonanz und erkundet dabei nach und nach die einzelnen ausgewählten Elemente seines Anliegens. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper, seine Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken und inneren Wahrnehmungen und beobachtet, was sich in Bezug auf die jeweiligen Elemente zeigt. Häufig werden dafür Bodenanker (z.B. Filzmatten) oder Gegenstände verwendet, die die einzelnen Elemente des Anliegens repräsentieren. Der Therapeut begleitet diesen Prozess und steht dabei direkt mit dem Klienten im Dialog.

Auch wenn der Prozess in Einzel- und Gruppensitzungen zu Teilen unterschiedlich ist, bleibt das grundlegende Prinzip dasselbe, weil wir mit der Anliegenmethode und Resonanz arbeiten. Im Unterschied zu vielen Formen der Gesprächstherapie, bei denen Erlebnisse vor allem verbal beschrieben und reflektiert werden, ermöglicht Resonanz einen unmittelbaren Zugang zu unseren unbewussten psychischen Prozessen. Auch unterdrückte oder abgespaltene innere Anteile sowie vorgeburtliche und vorsprachliche Erfahrungen können auf diese Weise sichtbar und fühlbar werden.

Wenn du mehr über Resonanz und Aufstellungsarbeit erfahren möchtest, findest du in meinem vorherigen Blogartikel weitere Informationen.

Das „Ich“ aus der Perspektive der IoPT verstehen

In der IoPT steht das Ich für unsere Identität und wie wir uns selbst erleben und wahrnehmen. Es bildet den zentralen Bezugspunkt unserer Psyche und umfasst die Erfahrung, wir selbst zu sein, eigene Wünsche und Vorstellungen, Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse zu haben, unsere Grenzen wahrzunehmen und mit der Welt um uns herum in Beziehung zu stehen. Unser Ich ermöglicht uns, uns als eigenständigen Menschen zu erleben und zu erkennen: „Das bin ich. Das fühle ich. Das brauche ich. Das ist mir wichtig.“

Wenn wir traumatisierende Erfahrungen machen, die wir nicht vollständig verarbeiten und integrieren können, spaltet sich unser Ich in unterschiedliche Anteile auf. Dies kann vor allem in der frühen Kindheit und auch bereits während der Schwangerschaft geschehen, weil wir als Babys und Kleinkinder kaum eigene Regulationsmöglichkeiten haben. In der IoPT wird diese Aufteilung als die gespaltene Struktur der Psyche bezeichnet. Die gesunden Anteile, Überlebensanteile und Traumaanteile werden dabei als unterschiedliche Teile unseres fragmentierten Ichs verstanden, die sich als Reaktion auf traumatische Erfahrungen entwickelt haben.

Die folgenden Abbildungen zeigen zwei mögliche Beispiele dafür, wie sich die Psyche als Folge traumatischer Erfahrungen spalten kann. Die innere Welt jedes Menschen ist individuell und die dargestellten Verhältnisse dienen daher lediglich der Veranschaulichung und sollen dabei helfen, das IoPT-Modell besser zu verstehen.

Die Abbildungen zeigen, dass das Verhältnis zwischen gesunden Anteilen, Überlebensanteilen und Traumaanteilen von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein kann. Wie sich die einzelnen psychischen Anteile entwickeln und ausprägen, hängt davon ab, wie eine Erfahrung von einem Menschen erlebt und verarbeitet werden konnte. Dabei spielen sowohl die Art und der Zeitpunkt einer Erfahrung als auch die inneren und äußeren Ressourcen eine wichtige Rolle, die uns zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung standen. Besonders in der frühen Kindheit sind unsere eigenen Möglichkeiten zur Selbstregulation noch sehr begrenzt, sodass wir stark darauf angewiesen sind, dass unsere Bezugspersonen uns Sicherheit und Regulation geben können. Auch unsere Bindungserfahrungen, unterstützende Beziehungen und persönliche Ressourcen beeinflussen, wie wir mit überwältigenden Erfahrungen umgehen und wie sich unsere Psyche in der Folge entwickelt und organisiert.

Wichtig ist dabei, dass jeder Mensch immer gesunde psychische Anteile in sich trägt, unabhängig davon, wie viel Trauma er erlebt hat. Trauma kann unseren Zugang zu diesen Anteilen jedoch stark beeinträchtigen. Dadurch können Überlebens- und Traumaanteile im Alltag stärker in den Vordergrund treten und unsere Wahrnehmung unbewusst beeinflussen. Bei Menschen, die überwiegend aus Trauma- und Überlebensanteilen heraus leben, können die gesunden Anteile deshalb nur schwer zugänglich oder kaum wahrnehmbar sein. Sie sind dennoch vorhanden. Die Fähigkeit, mit uns selbst und anderen verbunden zu sein, neugierig zu bleiben, uns authentisch auszudrücken und uns selbst wahrzunehmen, bleibt ein Teil von uns, auch wenn wir den Zugang dazu zeitweise oder über längere Zeit verlieren können.

Im Heilungsprozess geht es daher darum, die Verbindung zu diesen bereits vorhandenen gesunden Anteilen zu stärken und nach und nach auch jene Anteile unserer Identität zu integrieren, die durch traumatische Erfahrungen fragmentiert wurden.

Die oben gezeigten Abbildungen sollen veranschaulichen, dass Trauma jeden Menschen auf unterschiedliche Weise beeinflusst und dass sich auch das Verhältnis und die Ausprägung der verschiedenen inneren Anteile im Laufe des Heilungsprozesses wesentlich verändern können. Wenn wir unsere gesunden Anteile stärken und zuvor fragmentierte Trauma- und Überlebensanteile zunehmend integrieren, kann sich auch unser inneres Erleben mit der Zeit verändern. Wir können uns verbundener, klarer und zunehmend mehr im Kontakt mit uns selbst fühlen.

Wenn unterschiedliche Anteile von uns aktiviert werden

Franz Rupperts Spaltungsmodell der Psyche erklärt vor allem, warum in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedliche psychische Anteile von uns aktiv werden können. Im Alltag bewegen wir uns ganz natürlich zwischen verschiedenen psychischen Anteilen, also zwischen gesunden Anteilen, Überlebensanteilen und Traumaanteilen. Je nachdem, was gerade geschieht und in welcher Situation wir uns befinden, können unterschiedliche Anteile stärker in den Vordergrund treten und uns dabei helfen, uns anzupassen, uns zu schützen oder auf das Geschehen um uns herum zu reagieren.

Wenn wir getriggert werden, können wir die Welt vorübergehend aus der Perspektive eines Überlebens- oder Traumaanteils heraus erleben. In solchen Momenten können sich die Gefühle, Überzeugungen und Körperempfindungen, die mit diesem Anteil verbunden sind, sehr real und einnehmend anfühlen. Wenn solche Anteile besonders stark aktiviert oder ausgeprägt sind, kann es sich schnell so anfühlen, als würden sie unsere ganze Realität bestimmen.

Natürlich ist es auch möglich, dass mehrere psychische Anteile in einem Moment gleichzeitig aktiv sind. So kann beispielsweise ein gesunder Anteil bewusst verstehen, was gerade geschieht, und erkennen, dass ein Traumaanteil getriggert wird, während unser Körper und Nervensystem weiterhin in einem Überlebenszustand feststecken. Zum Beispiel können wir kognitiv wissen, dass wir im jetzigen Moment sicher sind und uns nichts passiert, und gleichzeitig aber intensive Angst, Scham oder Hilflosigkeit empfinden. Das zeigt, wie unterschiedlich verschiedene Anteile unserer Psyche dieselbe Situation erleben können.

Ein aktivierter psychischer Anteil ist immer nur ein Teil von uns, auch wenn wir uns in diesem Moment stark mit ihm identifizieren können. Im Heilungsprozess geht es deshalb darum, das gesunde Ich zu stärken und den Kontakt mit unserem gesunden Ich immer weiter auszubauen. So können wir auch dann mit uns selbst verbunden sein und in Selbstregulation bleiben oder wieder dahin zurückfinden, wenn andere psychische Anteile aktiviert sind. Aus unserem gesunden Ich heraus können wir wahrnehmen, was in unseren verschiedenen Anteilen geschieht, sie besser verstehen und ihnen mit Mitgefühl begegnen und so Trauma nach und nach integrieren.

Das Konzept der „Identifikation“ verstehen

In der IoPT beschreiben Identifikationen (Verstrickungen) eine Form von Überlebensstrategien, die sich als Reaktion auf traumatische Erfahrungen entwickeln. Dabei übernehmen wir unbewusst bestimmte Aspekte eines anderen Menschen, zum Beispiel dessen Überzeugungen, Gefühle, Einstellungen, Erwartungen, Sichtweisen oder Erfahrungen. Solche Identifikationen entstehen häufig bereits in der frühen Kindheit, insbesondere in der Beziehung zu unseren wichtigsten Bezugspersonen. Sie können sehr tief in uns verankert sein, dass wir später kaum noch unterscheiden können, was wirklich zu uns selbst gehört und was wir von anderen übernommen haben.

Identifikationen sind dabei immer eine Form von Überlebensstrategien, die sich als Reaktion auf Trauma entwickeln. Sie beziehen sich jedoch nicht ausschließlich auf unsere Bezugspersonen. Wir können uns beispielsweise auch mit einem Täter identifizieren oder mit Gruppen, Vereinen oder Marken, die uns ein Gefühl von Zugehörigkeit, Identität oder Sicherheit geben. Gerade wenn wir uns selbst wenig spüren oder innerlich leer und abgeschnitten fühlen, kann die Identifikation mit etwas oder jemandem außerhalb von uns dabei helfen, diese Leere zu füllen und uns ein Gefühl von Identität zu vermitteln. Auch über Generationen hinweg können Identifikationen entstehen, etwa mit Familienmitgliedern, die wir selbst nie kennengelernt haben.

Da Identifikationen hauptsächlich in frühen Bindungsbeziehungen entstehen, lohnt es sich, die Bedeutung von Bindung und Überleben in der Kindheit genauer zu betrachten. Als Kind sind wir für unser körperliches und emotionales Überleben auf unsere Bezugspersonen angewiesen. Wenn unsere Eltern physisch oder emotional nicht anwesend sind, uns ablehnen, uns Angst machen oder unsere emotionalen Bedürfnisse nicht erfüllen können, passen wir uns unbewusst an die Beziehung an, um die für uns so wichtige Verbindung zu ihnen aufrechtzuerhalten. Dies kann zum Beispiel geschehen, indem wir unbewusst die Überzeugungen, Gefühle oder Einstellungen unserer Eltern oder anderer Bezugspersonen übernehmen und sie dann als unsere eigenen erleben.

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, wie solche Identifikationen entstehen können. Sie hängen von den jeweiligen traumatischen und belastenden Erfahrungen und Beziehungen innerhalb der Familie ab.

Zum Beispiel:

  • Ein Kind kann erleben, dass es von einem Elternteil nicht gewollt oder abgelehnt wird oder dass seine Existenz für diesen Elternteil eine Belastung darstellt. Daraus können Überzeugungen entstehen wie: „Ich sollte nicht existieren“, „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Ich bin nicht gewollt.“ Später im Leben kann sich eine solche Identifikation beispielsweise in anhaltender Scham, Selbstzweifeln, Selbstablehnung oder großen Schwierigkeiten zeigen, den eigenen Platz einzunehmen und das eigene Dasein als selbstverständlich und berechtigt zu empfinden. Auch selbstzerstörerische oder selbstverletzende Verhaltensmuster können damit verbunden sein. Aus Sicht der IoPT hat das Kind die ablehnende oder destruktive Haltung des Elternteils verinnerlicht und trägt sie als Teil seines fragmentierten Ichs in sich.

  • Eltern können ihre Kinder unbewusst darfür benutzen, ihnen ein Gefühl von Lebendigkeit, Sinn, emotionaler Stabilität oder Bedeutung zu geben. Das Kind kann dann beginnen, sich mit den Bedürfnissen der Eltern zu identifizieren und diese als seine eigenen zu erleben, anstatt zu erkennen: „Meine Mutter saugt mich energetisch aus, damit sie sich lebendig fühlt“ oder „Meine Vater benutzt mich als emotionale Stütze.“ Stattdessen kann sich die innere Überzeugung entwickeln: „Es ist meine Aufgabe, für die Bedürfnisse meiner Mutter und meines Vaters da zu sein.“ Auf diese Weise kann sich die eigene Identität zunehmend um die Rolle herum entwickeln, die das Kind in der Beziehung übernommen hat. Auch im späteren Leben kann diese Identifikation die Beziehung zu uns selbst und zu anderen stark beeinflussen. Menschen fühlen sich dann beispielsweise besonders wertvoll, wenn sie gebraucht werden, empfinden Schuld, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse an erste Stelle setzen, oder kümmern sich automatisch zuerst um andere, bevor sie überhaupt wahrnehmen, was sie selbst brauchen. Die zugrunde liegende Identifikation bleibt dabei häufig unbewusst und kann sich beispielsweise in Überzeugungen zeigen wie: „Es ist meine Aufgabe, mich um andere zu kümmern“, „Meine Bedürfnisse sind weniger wichtig“ oder „Ich bin wertvoll, wenn ich für andere nützlich bin.“

  • Ein Kind kann immer wieder die Angst, Wut, Scham oder Selbstablehnung eines Elternteils miterleben und diese Gefühle nach und nach als Teil von sich selbst übernehmen. Wenn eine Mutter, beispielsweise sehr ängstlich oder unsicher ist, kann sie dem Kind direkt oder indirekt vermitteln, dass die Welt nur gefährlich ist und dass es selbst nicht in der Lage ist, mit dem Leben zurechtzukommen. Das Kind kann diese Angst übernehmen und später selbst ein tiefes Gefühl von Unsicherheit oder Verletzlichkeit entwickeln. Selbst als Erwachsene können Menschen sich dann beispielsweise als schwach, schutzlos oder unfähig erleben, auch wenn sie sich objektiv in einer sicheren Situation befinden und eigentlich die Fähigkeiten besitzen, mit Unsicherheit umzugehen.

  • Ein Kind kann sich auch an ein Elternteil anpassen, der sehr kritisch, kontrollierend oder anspruchsvoll ist, indem es dessen Maßstäbe und Bewertungen übernimmt. Es kann dadurch die innere Überzeugung entwickeln: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich gute Leistungen erbringe“, „Ich darf keine Fehler machen“ oder „Ich muss perfekt sein, damit ich geliebt werde.“ Im späteren Leben können sich solche Identifikationen beispielsweise in starker Selbstkritik, Perfektionismus, Ängsten oder dem anhaltenden Gefühl zeigen, niemals gut genug zu sein.

Diese Beispiele zeigen, wie Identifikationen aus belastenden und traumatisierenden Bindungserfahrungen entstehen können. Als Kind ist es sehr schwer zu erkennen, dass das Problem eigentlich bei den Eltern oder anderen Bezugspersonen liegt. Als Kind können wir nicht verstehen: „Mein Mama lehnt mich ab“ oder „Mein Papa kann mir nicht die Liebe und Sicherheit geben, die ich brauche.“ Stattdessen passen wir uns unbewusst an und beziehen die Erfahrung auf uns selbst: „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Ich muss so oder so sein, damit ich geliebt, angenommen oder akzeptiert werde.“ Auf diese Weise können Bindungserfahrungen und Dynamiken tief die Entwicklung unseres eigenen Selbstbildes und unserer eigenen Identität prägen.

Dies kann zu der schmerzhaften Erfahrung führen, dass ein Teil von uns selbst uns ablehnt, nicht existieren möchte oder keinen Kontakt zu uns haben will. Aus Sicht der IoPT tragen diese psychischen Anteile des fragmentierten Ichs entsprechende Identifikationen in sich. Sie erleben die Welt weiterhin aus der Perspektive unserer früheren Bindungserfahrungen, obwohl die ursprüngliche Situation schon lange vorbei ist. Wir erleben bestimmte Überzeugungen, Gefühle oder Beziehungsmuster dann oft einfach als „so bin ich“, ohne zu erkennen, dass sie unsere früheren Bindungsdynamiken spiegeln.

Solche Dynamiken können in einer Selbstbegegnung sichtbar werden. Wenn eine Identifikation erkennbar wird, kann sie, sofern der Klient sich dafür bereit fühlt und es im jeweiligen Prozess sinnvoll ist, mit Hilfe einer Identifikationsresonanz weiter erkundet werden. Dafür kann entweder ein weiterer Resonanzgeber hinzugenommen werden oder ein Gegenstand beziehungsweise ein Bodenanker gewählt werden, um die betreffende Person aus der Identifikation zu repräsentieren. Dieser Prozess kann uns dabei helfen, genauer wahrzunehmen, was zu unserem eigenen Ich gehört und was wir von einem anderen Menschen unbewusst übernommen haben. Aus Sicht der IoPT kann diese bewusste Wahrnehmung dazu führen, dass sich die in der Identifikation gebundene Energie lösen kann und unsere Psyche sich langsam neu orientiert. Wenn wir Identifikationen erkennen, können wir auch besser verstehen, wie Trauma über Generationen hinweg weitergegeben wird und wie frühe Bindungserfahrungen uns häufig unbewusst noch bis ins Erwachsenenalter wesentlich beeinflussen.

Im folgenden Abschnitt gehe ich auf einige der am häufigsten gestellten Fragen ein, die sich auf die IoPT, Aufstellungsarbeit und therapeutische Methode beziehen.

HÄUFIG GESTELLTE FRAGEN

Den eigenen Heilungsweg finden

Aus meiner Sicht ist die Bearbeitung von Trauma und wie unsere Psyche und unser Nervensystem auf überwältigende Erfahrungen reagieren, oft ein komplexer und herausfordernder, gleichzeitig aber auch zutiefst faszinierender und wertvoller Prozess. Diese innere Auseinandersetzung stärkt unsere eigenen Fähigkeiten zur Heilung und eröffnet uns neue Möglichkeiten für Veränderung. Wenn wir beginnen zu verstehen, dass unsere Gedanken, Gefühle, körperlichen Symptome und Verhaltensmuster aus einem bestimmten Grund entstanden sind, können wir lernen, uns selbst mit mehr Verständnis und Mitgefühl zu begegnen.

Heilung bedeutet dabei nicht, dass schwierige Gefühle oder Erfahrungen nie wieder auftauchen. Es geht vielmehr darum, zunehmend besser zu verstehen, was gerade in uns geschieht, zu erkennen, was zur Vergangenheit gehört und was im Hier und Jetzt passiert, und auch in schwierigen Momenten mit uns selbst verbunden zu bleiben. Mit der Zeit kann dadurch mehr Raum für eigene Entscheidungen, Selbstmitgefühl und Selbstregulation entstehen und unsere Verbindung mit dem eigenen gesunden Ich wachsen.

Auch wenn ich IoPT als einen sehr wertvollen therapeutischen Ansatz sehe, bedeutet dass nicht, dass die IoPT Therapie für jeden Menschen und jede Situation der passende Weg ist. Wir alle bringen unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse und Vorstellungen von therapeutischer Arbeit mit. Einen Ansatz zu finden, der sich für den eigenen Weg stimmig und unterstützend anfühlt, ist daher ein wichtiger Teil des eigenen Heilungsprozesses.

Dieser Artikel spiegelt mein persönliches Verständnis von IoPT, meine Erfahrungen damit und die Art und Weise wider, wie ich mit diesem Ansatz arbeite. Andere IoPT-Therapeuten können unterschiedliche Perspektiven, Hintergründe und Herangehensweisen haben. Meine Arbeit ist besonders durch meinen Fokus auf das Nervensystem und somatische Prozesse geprägt, ebenso durch meine langjährige persönliche Erfahrung mit Achtsamkeit und Meditation sowie durch meine eigene Arbeit mit IoPT und anderen ganzheitlichen Ansätzen.

Ich hoffe, dieser Artikel konnte dir mehr Klarheit und ein tieferes Verständnis für IoPT, den therapeutischen Ansatz sowie die dahinterliegende Theorie und Prinzipien vermitteln. Wenn du neugierig geworden bist und IoPT selbst ausprobieren möchtest, kannst du dich gerne bei mir melden. Ich biete Online-Sitzungen für Klienten weltweit sowie Sitzungen vor Ort in Oslo an. Du kannst auch ein kostenloses und unverbindliches 30-minütiges Kennenlerngespräch buchen. Dabei hast du die Möglichkeit, mich kennenzulernen, deine Fragen zu stellen und ein Gefühl dafür zu bekommen, ob eine gemeinsame Arbeit für dich stimmig sein könnte.

Wenn du Gedanken, Fragen oder persönliche Erfahrungen zu diesem Thema teilen möchtest, freue ich mich sehr, in den Kommentaren von dir zu lesen. Weiter unten findest du außerdem einige Fragen zur persönlichen Reflexion. 🙏

Danke, dass Du hier bist. 💕

Julia

✏️Fragen zur Reflexion

  1. Welche Gefühle, Gedanken oder inneren Stimmen tauchen in bestimmten Situationen immer wieder in dir auf?

  2. Welche Vorstellungen oder Erwartungen über dich selbst, andere Menschen oder Beziehungen hast du von deinen Eltern oder anderen Bezugspersonen übernommen und trägst sie heute noch in dir?

  3. In welchen Situationen fühlst du dich ganz bei dir und verbunden mit dem, was du wirklich möchtest, fühlst und brauchst?

  4. Gibt es etwas, das durch das Lesen dieses Artikels deine Neugier geweckt hat und dem du gerne weiter nachgehen möchtest?

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Wenn Heilung Trauer mit sich bringt