Das Gute Kind

Es war fast fünf Uhr, als Mia von der Schule nach Hause kam. Sie stellte ihre Schuhe ordentlich neben die Tür und hängte ihre Jacke an den Haken.

„Hallo?“ Niemand antwortete.

Mia ging in die Küche. Ihre Mutter saß am Tisch, den Laptop vor sich und den Kopf auf eine Hand gestützt. Mit der anderen hielt sie das Telefon an ihr Ohr gepresst. „Nein, ich weiß. Ich weiß. Aber wenn wir den Bericht heute Abend nicht mehr schicken, wird das Ganze bis Montag verschoben …“, sagte sie etwas gereizt.

Mia blieb in der Tür stehen. In ihrer Hand hielt sie eine Zeichnung von einem Haus mit einem Garten. Sie hatte sie am Nachmittag im Kunstunterricht gemalt. Sorgfältig hatte sie die Fenster des Hauses blau umrandet und den Himmel in einem sanften Lilaton gestaltet. Das Haus war irgendwie ungewöhnlich und hatte etwas geradezu Verzaubertes an sich, auch wenn Mia selbst nicht genau sagen konnte, was es war. Ihre Lehrerin hatte die Zeichnung voller Anerkennung betrachtete und ihr gesagt, dass sie ein besonderes Auge für Details habe.

Das wollte Mia ihrer Mutter so gerne erzählen und ihr das Bild zeigen. Sie wartete einen Moment. Dann sah ihre Mutter auf. „Hallo, mein Schatz. Du bist ja schon zu Hause.“

Schon?“dachte Mia überrascht. Es war fast fünf Uhr und die Schule war seit mehr als drei Stunden vorbei. Nach dem Unterricht war sie in die kleine Bibliothek in der Nähe gegangen, hatte gelesen und ihre Hausaufgaben gemacht. Ihre Mutter schien gar nicht bemerkt zu haben, dass sie den ganzen Nachmittag nicht zu Hause gewesen war.

Mia sah ihre Mutter an, lächelte nur und nickte. „Ja“, antwortete sie knapp.

„Kannst du mir noch fünf Minuten geben?“, fragte ihre Mutter. Dabei drückte sie das Telefon wieder fester ans Ohr. „Natürlich“, antwortete Mia und ging leise nach oben in ihr Zimmer.

Sie setzte sich auf ihr Bett und legte die Zeichnung auf ihren Schoß. Während sie auf ihre Mutter wartete, sah sie gedankenverloren auf das verzauberte Haus mit den blauen Fenstern, das sie an diesem Nachmittag gemalt hatte. Fünf Minuten vergingen, dann zehn, und schließlich saß Mia schon eine halbe Stunde auf ihrem Bett.

Schließlich legte Mia die Zeichnung in die unterste Schublade ihres Schreibtisches. Ihre Mutter schien wieder einmal keine Zeit für sie zu haben, und Mia wollte sie nicht noch einmal mit ihrer Zeichnung stören.

Ihre Mutter war noch immer mit der Arbeit beschäftigt, als Mia eine Stunde später wieder nach unten kam.

„Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete Mia sofort.

„Gutes Kind“, sagte ihre Mutter, während ihr Blick bereits wieder auf den Bildschirm gerichtet war. Mia blieb neben dem Küchentisch stehen. Sie wusste nicht recht, ob sie warten oder wieder gehen sollte, doch offenbar war ihre Mutter immer noch beschäftigt.

„Hattest du einen schönen Tag?“, fragte ihre Mutter schließlich, während sie etwas auf ihrem Laptop tippte.

„Ja“, sagte Mia.

Ihre Mutter nickte, ohne vom Bildschirm aufzusehen. Mia dachte an ihre Zeichnung und an das, was ihre Lehrerin dazu gesagt hatte. An ihre Freundin Jessy, deren Familie gerade einen Hund adoptiert hatte, der auf den Fotos, die Mia heute gesehen hatte, so kuschelig und niedlich aussah. Und an die anderen Mädchen, die sich heute beim Sportunterricht in der Umkleide wieder über ihre Beine lustig gemacht und sie ausgelacht hatten.

Doch Mia erzählte nichts davon. Wie so oft fühlte es sich an, als wäre ihre Mutter weit entfernt in einem anderen Universum, obwohl sie direkt neben ihr saß und Mia nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihren Arm zu berühren. In diesem Moment klingelte wieder das Handy ihrer Mutter. Während sie den Anruf entgegennahm, war Mia sich sicher, dass ihre Mutter schon vergessen hatte, dass sie überhaupt noch neben ihr stand.

Wie immer war es fast neun Uhr, als sie zu Abend aßen. Und wie so oft hatten ihre Eltern bei einem der Restaurants in der Nähe etwas bestellt, was ihr Vater schnell auf dem Heimweg von der Arbeit abgeholt hatte. Heute gab es Thai-Curry mit Reis. Es kam nur sehr selten vor, dass ihre Eltern sich die Zeit nahmen, selbst etwas zu kochen, und Mia konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt eine selbst gekochte Mahlzeit gegessen hatte.

Ihr Vater gab Mia einen Kuss auf die Stirn.

„Na, Prinzessin. Wie war es in der Schule?“

„Gut“, antwortete Mia sofort.

„Ist etwas Spannendes passiert?“

Mia sah ihn an. Er legte gerade seine Krawatte ab und überflog dabei die Schlagzeilen in der Zeitung, die auf der Küchentheke aufgeschlagen lag.

„Nein“, antwortete sie leise.

Ihr Vater lachte und blätterte die Zeitung um.

„Das ist mein Mädchen. Immer ganz unkompliziert.“

Mama lächelte jetzt auch. „Ja, mit ihr hat man es wirklich leicht.“

Mia lächelte ebenfalls. Sie hatte gelernt zu lächeln, wenn ihre Eltern so etwas sagten. Und es machte sie glücklich, wenn sie mit ihr zufrieden waren.

Beim Abendessen erzählte ihre Mutter kurz von einem neuen Projekt, das sie bei der Arbeit übernommen hatte. Danach berichtete ihr Vater von einem Investorengespräch, an dem er an diesem Tag teilgenommen hatte. Mia verstand kaum etwas von dem, worüber sie sprachen. Aber sie wusste, dass sie besser still blieb, und ihre Gedanken wanderten wieder zu dem verzauberten Haus, das sie gemalt hatte.

Sie fragte sich, wer wohl darin lebte. In ihrer Vorstellung saß dort ein kleines Mädchen mit seinen Eltern am Küchentisch und erzählte ihnen alles, was es an diesem Tag erlebt hatte. Das Mädchen würde erzählen und erzählen, und niemand würde dabei auf sein Handy schauen oder auf die Uhr sehen. Sie würden einfach zuhören, bis es nichts mehr zu erzählen gab.

Mia fragte sich, wie sich das wohl anfühlen würde…

Nach dem Abendessen ging Mia in ihr Zimmer. Obwohl sie inzwischen zehn war, lagen noch immer einige Kuscheltiere in ihrem Bett. Eines davon war ein großer brauner Affe, den sie, solange sie sich erinnern konnte, Albert genannt hatte. Mia schlüpfte unter die Decke und zog Albert fest an sich.

Dann fiel ihr die Zeichnung wieder ein. Sie stand auf, öffnete die unterste Schublade ihres Schreibtisches und holte sie heraus. Sie setzte sich neben Albert und hielt ihm die Zeichnung hin.

„Schau mal, was ich heute gemalt habe“, flüsterte sie.

Natürlich sagte Albert nichts. Das hatte er noch nie getan. Doch Mia lächelte trotzdem.

„Und weißt du, was heute noch passiert ist?“

Sie wartete einen Moment, als würde sie ihm Zeit für eine Antwort lassen.

„Jessy hat mir Bilder von dem Hund gezeigt, den ihre Familie adoptiert hat. Der ist wirklich süß. Ein Golden Retriever. Und sie sagt, er schläft bei ihr im Bett.“

Mia betrachtete die Zeichnung.

„Und Mandy und Cynthia haben sich in der Umkleide wieder über meine Beine lustig gemacht und gesagt, dass sie krumm sind.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Alle haben gelacht.“

Mit dem Finger fuhr sie über eines der blauen Fenster auf der Zeichnung.

„Nur ich habe nicht gelacht.“

Eine kleine Träne lief über ihre Wange. Mia wischte sie schnell mit der Bettdecke weg. Weinen war etwas für Babys. Und zum Glück war sie kein Baby mehr, genau wie Mama immer sagte.

Anscheinend hatte Mia sehr viel geweint, als sie klein gewesen war. So viel, dass ihre Eltern beschlossen hatten, in den ersten drei Jahren ihres Lebens ein Kindermädchen bei sich wohnen zu lassen, weil ihre Mutter sich nach Mia’s Geburt kaum noch auf ihre Arbeit konzentrieren konnte.

Mia selbst erinnerte sich an nichts davon. Sie kannte die Geschichte nur, weil ihre Mutter sie ihr immer wieder erzählt hatte.

„Du warst so ein schwieriges Baby“, sagte sie manchmal und lachte dabei ein wenig. „Du hast immer geweint, wenn Mama arbeiten und sich konzentrieren musste.“

Dann lächelte sie und fügte hinzu: „Aber schau dich jetzt an. Du bist so ein liebes, unkompliziertes Mädchen geworden.“

Bei diesen Worten lächelte Mia immer. Sie sah Albert an.

„Ich will ihnen nicht zur Last fallen“, sagte sie ganz leise.

Dann zog sie die Decke über sich und Albert und drückte ihn fest an ihre Brust. Eine Weile lang, in der Stille ihres Zimmers, stellte sich Mia vor, dass das verzauberte Haus auf ihrer Zeichnung wirklich existierte.

Ein Haus, in dem jemand merken würde, wenn man traurig war.

Ein Haus, in dem jemand aufblicken würde, wenn man zur Tür hereinkam, und sich freuen würde, dass man da war.

Ein Haus, in dem man sagen konnte: „Schau mal, was ich gemacht habe“, und jemand würde sich die Zeit nehmen, es wirklich anzusehen.

Ein Haus, in dem man nicht immer brav und unkompliziert sein musste.

Ein Haus, in dem man sagen konnte, wenn man etwas brauchte, und niemand fand, dass es zu viel war.

Ein Haus, in dem man einfach so sein durfte, wie man war.

Mia schloss die Augen. „Gute Nacht, Albert“, flüsterte sie.

Vielleicht können wir heute Nacht ein bisschen Zeit in dem verzauberten Haus verbringen. 🌙


Manchmal berührt uns eine Geschichte auf eine Weise, die wir zunächst gar nicht bewusst wahrnehmen. Etwas kann uns beim Lesen vertraut vorkommen, mit uns resonieren oder eine Erinnerung an etwas wecken, für das wir bisher vielleicht noch keine Worte hatten. Vielleicht möchtest du einen Moment innehalten und kurz in dich hineinfühlen:

  • Gab es einen Moment in Mias Geschichte, der dir besonders vertraut vorkam oder dich berührt hat?

  • Was hast du während des Lesens in dir wahrgenommen?

  • Hast du etwas von Mias Art, mit sich selbst und ihren Bedürfnissen umzugehen, wiedererkannt?

  • Kennst du das Gefühl, dich zurückzunehmen, wenig zu brauchen oder möglichst keine Umstände zu machen?

  • Wenn du an dein jüngeres Ich zurückdenkst: Was hättest du damals vielleicht gebraucht, um dich gesehen, gehört und angenommen zu fühlen?

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, Mias Geschichte zu lesen.

Wenn du deine eigenen Erfahrungen in einem therapeutischen Raum näher erkunden möchtest, bist du jederzeit herzlich eingeladen, dich bei mir zu melden.

Julia

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