Wenn die Mutter zur Quelle von Angst wird: Narzisstischer Missbrauch in der Kindheit
Mütter gelten in unserer Gesellschaft oft als Inbegriff von Fürsorge, Wärme und liebevoller Präsenz. Doch für viele Kinder sieht die Realität anders aus. Wenn eine Mutter emotional unzugänglich ist, sich vorranging nur um sich selbst sorgt, oder ihr Kind nicht als eigenständiges Wesen mit eigenen Bedürfnissen erkennt, kann dies tiefgreifende Auswirkungen haben auf die emotionale und psychische Entwicklung des Kindes (Costin, 2020).
Solche Bindungsmuster werden häufig übersehen oder gesellschaftlich bagatellisiert, und nicht selten werden sie sogar verleugnet. Für viele Menschen führt das dazu, dass sie ihre eigenen Kindheitserfahrungen infrage stellen oder ihre Wahrnehmung vollständig verdrängen. Dieser Artikel nähert sich dem Thema aus einer traumasensiblen Perspektive. Er beleuchtet typische Bindungsdynamiken zwischen narzisstischen Müttern und ihren Kindern, die psychologischen Auswirkungen auf das Kind sowie die langfristigen Folgen unverarbeiteter Bindungs- und Entwicklungstraumata im Erwachsenenalter.
Auch wenn der Fokus hier auf narzisstischen Müttern liegt, können ähnliche Muster selbstverständlich ebenso bei Vätern oder anderen Bezugspersonen auftreten. Die zugrunde liegenden Dynamiken und ihre Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung sind häufig vergleichbar. Dieser Artikel fokussiert sich auf die Mutter, weil gerade diese Konstellation gesellschaftlich und auch in der Forschung nach wie vor zu wenig Beachtung findet, oft aufgrund des tief verankerten Bildes der Mutter als selbstlose und bedingungslos liebende Person.
Die narzisstische Mutter: Typische Muster und Bindungsdynamiken
Narzisstisch geprägte Mutter-Kind-Dynamiken sind von außen oft schwer zu erkennen. Häufig zeigen sie sich nicht in offenem Fehlverhalten, sondern in feinen, wiederkehrenden Bindungsmustern. Nach außen kann die Mutter engagiert, fürsorglich und sozial angepasst wirken. Gerade das macht es für Kinder besonders verwirrend, denn das innere Erleben passt nicht zu dem Bild, das andere von der Familie haben. Gleichzeitig sind diese Muster häufig Ausdruck eigener, nicht verarbeiteter Traumaerfahrungen der Mutter.
Narzisstische Ausprägungen bewegen sich auf einem Spektrum. Eine Mutter muss nicht alle im Folgenden beschriebenen Merkmale erfüllen, damit ein Kind emotionale Verletzungen erlebt. Manche zeigen eher selbstbezogene oder emotional unreife Verhaltensweisen, andere treten kontrollierend oder abwertend auf. Entscheidend ist weniger das einzelne Verhalten, sondern wie häufig, wie intensiv und in welcher Form es auftritt und vor allem, wie das Verhalten der Mutter vom Kind subjektiv wahrgenommen wird. Auch scheinbar subtile, aber chronische Muster wie emotionale Unzugänglichkeit, unterschwellige Schuldzuweisungen oder an Bedingungen geknüpfte Zuwendung können die Entwicklung eines Kindes stark beeinflussen.
Im Folgenden werden einige der häufigsten Dynamiken beschrieben, die oft im Zusammenhang mit narzisstischem Missbrauch auftreten.
Gaslighting und emotionale Manipulation:
Eine zentrale Dynamik besteht darin, die Wahrnehmung des Kindes infrage zu stellen oder zu entwerten. Beim sogenannten Gaslighting werden Gefühle, Erinnerungen oder Bedürfnisse des Kindes systematisch relativiert oder abgestritten (Määttä & Uusiautti, 2018). Typische Aussagen sind etwa: „Du bist zu empfindlich“, „Das bildest du dir ein“, „So war das nicht“ oder „Du übertreibst.“
Mitunter wird dem Kind sogar die Verantwortung für die Gefühle und emotionalen Reaktionen der Mutter zugeschrieben. Sätze wie „Du hast mich dazu gebracht“ oder „Wenn du dich anders verhalten hättest, müsste ich nicht so reagieren“ vermitteln dem Kind, dass es für die Stimmung und das Verhalten der Mutter verantwortlich sei. Für ein Kind ist das untragbar, und es entstehen Gefühle von Schuld, Scham und grundlegender Verunsicherung.
Kinder sind existenziell darauf angewiesen, ihren Bezugspersonen zu vertrauen. Wenn jedoch die eigene Wahrnehmung immer wieder korrigiert, verdreht oder bestritten wird, beginnt das Kind, an sich selbst zu zweifeln. Es lernt, dem eigenen inneren Erleben weniger zu trauen als der Version der Mutter. Erinnerungen, Gefühle und Impulse werden hinterfragt oder unterdrückt. Mit der Zeit kann sich eine tiefe innere Unsicherheit entwickeln: Was ist real? Kann ich meinen Gefühlen trauen? Bin ich zu viel oder nicht genug?
Diese Form der subtilen psychischen Kontrolle hinterlässt tiefe Spuren in unserer Psyche und unserem Nervensystem und beeinflusst unseren Selbstwert, unsere Entscheidungsfähigkeit und Beziehungsdynamiken im Erwachsenenalter.
Emotionale Unzugänglichkeit oder Unreife:
Ein weiteres häufiges Merkmal von Narzissmus ist eine emotionale Unzugänglichkeit oder Unreife (Hart et al., 2017). Die Mutter ist körperlich anwesend, innerlich jedoch nicht wirklich erreichbar. Ihre Reaktionen können wechselhaft sein oder sie ist vor allem mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigt. Für das Kind entsteht dadurch viel Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit. Es spürt Nähe und Distanz zugleich, ohne die Dynamik einordnen zu können.
Nicht selten kommt es in solchen Konstellationen zu einer Rollenumkehr. Das Kind übernimmt unbewusst emotionale Verantwortung für die Mutter. Statt selbst Halt zu erfahren, wird es zur Stütze. Die Mutter nutzt die Beziehung, um Trost, Bestätigung oder emotionale Regulation zu erhalten. Dadurch entsteht eine tiefe Rollenverwirrung und eine enge psychische Verstrickung zwischen Mutter und Kind.
Diese Dynamik zeigt sich oft auch in subtilen Schuldzuweisungen. Aussagen wie „Nach allem, was ich für dich getan habe…“ oder „Du brichst mir das Herz“ verlagern die Verantwortung für die Gefühle der Mutter auf das Kind. Anstatt die eigenen Emotionen selbst zu tragen, wird vom Kind erwartet, die Mutter zu regulieren, sich zu entschuldigen oder sich anzupassen.
Für Kinder ist das eine kaum lösbare Situation. Sie lernen, ihre Aufmerksamkeit nach außen zu richten und sich auf die emotionalen Bedürfnisse der Mutter einzustimmen (Estlein et al., 2024). Die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wahrnehmungen treten dabei in den Hintergrund und werden unterdrückt. Wenn das Kind versucht Grenzen zu setzen oder eine andere Meinung hat, erlebt dies die Mutter unbewusst oft als bedrohlich. So wird es für das Kind nahezu unmöglich, eine gesunde Autonomie und ein stabiles Selbstgefühl zu entwickeln.
An Bedingungen geknüpfte Liebe und Zuwendung:
Eine weitere characteristische Dynamik zeigt sich, wenn Liebe an Bedingungen geknüpft ist. Hier erfolgen Zuwendung und Anerkennung nur dann, wenn das Kind funktioniert, die gewünschte Leistung erbringt, angepasst ist oder das Selbstbild der Mutter stärkt. Wertschätzung ist nicht selbstverständlich, sondern abhängig vom Verhalten des Kindes. Typische Sätze sind oft: „Ich bin stolz auf dich, wenn …“, „Blamiere mich nicht“ oder „Früher warst du so ein liebes Mädchen/ guter Junge.“ Auch Sätze wie „Nach allem, was ich für dich getan habe…“ vermitteln, dass Nähe und Zuwendung an Erwartungen gebunden sind.
Zeigt das Kind Ärger, Traurigkeit, Widerspruch oder Eigenständigkeit, wird wird die Zuwendung häufig entzogen, und stattdessen durch Distanz, Kälte oder Enttäuschung ersetzt.
Kinder verinnerlichen dadurch, dass ihr Wert davon abhängt, was sie leisten oder wie gut sie die Erwartungen anderer erfüllen. Unbewusst spüren sie, dass sie nicht geliebt werden für die Person, sie eigentlich sind, sondern für ihre Leisstungen und Funktion. Langfristig kann das den Selbstwert tief erschüttern (Lee & Lee, 2025). Viele Kinder entwickeln ein starkes Anpassungsverhalten, ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für die Gefühle anderer und eine konstante Angst, andere zu enttäuschen.
Schweigen als Machtmittel:
Ein weiteres häufiges Muster ist der Entzug von Nähe durch Schweigen oder emotionalen Rückzug. Anstatt Konflikte offen anzusprechen, reagiert die Mutter mit Ignorieren, vermeidet Blickkontakt oder wird kühl und distanziert, manchmal über Stunden oder Tage hinweg. Auslöser können Kritik, Enttäuschung oder das Gefühl sein, infrage gestellt worden zu sein.
In dieser Dynamik wird der Entzug von Nähe zum stillen Strafmittel. Nicht das Problem wird geklärt, sondern der Kontakt selbst wird vorübergehend entzogen. Für ein Kind bedeutet das einen abrupten Verlust der Bindung. Da Bindung existenziell ist, kann sich dieser Rückzug extrem bedrohlich anfühlen.
Viele Kinder suchen in solchen Momenten die Verantwortung bei sich selbst. Sie entschuldigen sich wiederholt, bemühen sich besonders, sind überangepasst oder versuchen, die Stimmung der Mutter aktiv zu verbessern. Innerlich entsteht häufig die Überzeugung, etwas falsch gemacht zu haben oder grundsätzlich nicht richtig zu sein. So verknüpft sich Konflikt mit Angst vor einem Bindungsverlust.
Spaltung zwischen Geschwistern:
Die Triangulierung beschreibt eine Dynamik, in der die Mutter bewusst oder unbewusst Konkurrenz, Vergleich oder Spannungen zwischen ihren Kindern erzeugt, um die emotionale Kontrolle zu behalten und selbst im Zentrum zu stehen (Costin, 2020). Anstatt eine sichere Bindung zwischen den Geschwistern zu fördern, werden subtile Gegensätze aufgebaut.
Das kann sich darin zeigen, dass ein Kind als „pflegeleicht“, „talentiert“ oder „vorbildlich“ dargestellt wird, während ein anderes als „schwierig“ oder „problematisch“ gilt. Sätze wie „Warum kannst du nicht so sein wie deine Schwester / dein Bruder?“ oder „Dein Bruder / deine Schwester würde so etwas nie tun“ verstärken diese Rollen. Manchmal werden auch vertrauliche Informationen eines Kindes weitergegeben oder Aussagen verdreht, sodass Misstrauen zwischen den Geschwistern entsteht.
Für die Kinder verschiebt sich dadurch der Fokus. Anstatt sich gegenseitig Halt zu geben, geraten sie in Konkurrenz, Rechtfertigung oder Abwehr zu einander. Wenn Geschwisterbeziehungen von Rivalität oder Unsicherheit geprägt sind, bleibt die Mutter die Instanz, die Nähe verteilt, die Realität definiert und Zugehörigkeit reguliert. Getrennte Kinder lassen sich leichter steuern und kontrollieren als verbundene.
Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung aus der IoPT-Perspektive
Aus Sicht der Identitätsorientierten Psychotraumatherapie (IoPT) nach Franz Ruppert steht bei narzisstisch geprägten Mutter-Kind-Dynamiken vor allem eines im Zentrum: die Beeinträchtigung der Entwicklung eines gesunden Ich.
IoPT richtet den Blick auf frühe Traumata, die im Kontext unserer ersten Bindungserfahrungen entstehen. Entscheidend sind dabei die Bindungserfahrungen mit unseren primären Bezugspersonen. Bereits in der Schwangerschaft kann ein Baby existenzielles Trauma erleben, etwa wenn unbewusste Ablehnung, Überforderung oder Ambivalenz der Mutter spürbar sind. Auf einer tiefen Ebene kann sich daraus die innere Botschaft formen: „So wie ich bin, darf ich nicht sein“ oder sogar „Ich darf nicht existieren.“ In der IoPT wird dies als Identitätstrauma beschrieben und wird als das früheste Trauma innerhalb unserer Trauma-Biografie verstanden (Ruppert, 2019).
Da wir als Kinder existenziell auf Bindung angewiesen sind, hat der Erhalt von Nähe und Kontakt vor allem zur Mutter immer Vorrang. Selbst wenn diese Nähe mit Schmerz verbunden ist, wählen wir unbewusst die Verbindung. Unsere eigenen Bedürfnisse, Impulse und Autonomie werden dabei unbewusst unterdrückt, weil wir die Bindung um jeden Preis sichern wollen.
In der IoPT wird dieser innere Vorgang als Spaltung beschrieben (Ruppert & Broughton, 2012). Gefühle wie Wut, Traurigkeit, Einsamkeit oder Verzweiflung werden abgespalten. Sie bleiben als Traumaanteile in unserem Inneren bestehen, während unsere Überlebensanteile die Führung übernehmen. Diese sichern unser Funktionieren im Alltag, passen sich an, leisten, regulieren und halten das äußere Gleichgewicht aufrecht. Der Preis dafür ist die zunehmende Entfremdung von uns selbst, und von unseren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen.
Auf Ebene des Nervensystems zeigt sich dies häufig in einem Wechsel zwischen Übererregung (hyperarousal) und innerem Shutdown (hypoarousal). Daher sind manche Menschen dauerhaft wachsam, leistungsorientiert und angespannt. Andere hingegen fühlen eine innere Leere, Hoffnungsloskeit oder Dissoziation. Beide Zustände sind Ausdruck desselben inneren Spaltungsprozesses.
Die langfristigen Folgen dieser inneren Fragmentierung sind tiefgreifend. Der Kontakt zum eigenen Selbst, zu den eigenen Empfindungen und inneren Impulsen wird unbewusst unterdrückt. Statt aus einem gesunden Ich heraus zu handeln, richtet sich unsere Aufmerksamkeit nach außen, um ein Gefühl von Sicherheit zu gewährleisten. Besonders schmerzhaft ist dabei, dass gerade die Mutter, die uns Sicherheit, Halt und Unterstützung hätte geben sollen, zur Ursache von unserem Trauma wird.
Anstatt sich in einer sicheren Bindung zur Mutter entfalten zu können, fokussiert sich die Psyche auf unser Überleben. Unsere Identität entsteht daher nicht aus freier Entwicklung, sondern aus Anpassung.
Langfristige Auswirkungen im Erwachsenenalter
Überlebensstrategien, die uns in der Kindheit geschützt haben, lösen sich nicht einfach mit dem Erwachsenwerden auf. Unverarbeitete Traumata hinterlassen tiefe Spuren in unserer Psyche, unserem Nervensystem und Körper. Auch wenn wir längst nicht mehr im damaligen Umfeld leben, wirken die frühen Prägungen oft unbewusst weiter und beeinflussen, wie wir Beziehungen führen, wie wir mit uns selbst umgehen und wie sicher wir uns im Leben fühlen.
Typische Überlebensstrategien, die sich nach einer Kindheit mit einer narzisstisch geprägten Mutter im Erwachsenenalter zeigen können, sind zum Beispiel:
Anhaltende Selbstzweifel: Die eigene Wahrnehmung wird immer wieder infrage gestellt. Erinnerungen, Gefühle oder Reaktionen werden relativiert, begleitet von dem Gedanken, ich übertreibe oder verstehe etwas falsch.
Unsicherheit im Kontakt mit den eigenen Gefühlen: Entscheidungen fallen schwer, weil das Vertrauen in die eigene innere Wahrnehmung fehlt. Oft wird zunächst im Außen nach Bestätigung gesucht.
Perfektionismus und hoher Leistungsdruck: Ein innerer Antrieb, ständig funktionieren oder leisten zu müssen, um sich wertvoll, sicher oder überhaupt berechtigt zu fühlen, da zu sein.
Starke Angst vor Fehlern: Fehler können intensive Scham auslösen oder eine tiefe Angst triggern, abgelehnt zu werden.
Ausgeprägtes Anpassungsverhalten: Die Bedürfnisse anderer werden automatisch priorisiert. Eigene Grenzen werden übergangen, um vorrangig Harmonie mit anderen zu sichern.
Übermäßige Schuldgefühle: Nein zu sagen oder Erwartungen nicht zu erfüllen kann sich unaushaltbar anfühlen, selbst wenn die eigenen Bedürfnisse berechtigt sind.
Hohe Wachsamkeit in Beziehungen: Stimmungen, Tonlagen oder kleinste Veränderungen im Verhalten anderer werden ständig beobachtet, um mögliche Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.
Starke innere Aktivierung bei Konflikten: Schon kleinere Spannungen können Panik, Rückzug oder den intensiven Drang auslösen, die Situation sofort klären zu müssen.
Verlustangst: Distanz, Schweigen oder emotionale Kälte anderer Menschen können alte Bindungsängste reaktivieren und starke Unsicherheit aktivieren.
Wiederholung vertrauter Beziehungsmuster: Frühe Dynamiken werden unbewusst reinzeniert. Manche fühlen sich zu emotional unerreichbaren, stark selbstbezogenen, kontrollierenden oder instabilen Partnern hingezogen, weil sich diese Dynamik vertraut anfühlt.
Emotionale Abspaltung oder Taubheit: In überfordernden Situationen schaltet das System auf Rückzug. Gefühle oder Körperempfindungen werden weniger wahrgenommen.
Überverantwortlichkeit: Verantwortung für die Gefühle und das Wohlbefinden anderer wird oft unbewusst übernommen. Die eigene Erschöpfung wird lange ignoriert, bis es zur Überlastung oder zum Burnout kommt.
Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse zu benennen: Fragen wie „Was möchte ich?“ oder „Was brauche ich?“ können schwer zu beantworten sein oder sich verwirrend anfühlen, weil der innere Fokus immer auf andere ausgerichtet war.
Geringer Selbstwert: Sich liebenswert zu fühlen ist oft an Leistung, Stärke, oder Hilfsbereitschaft gebunden.
Chronische innere Anspannung: Der Körper befindet sich dauerhaft in Alarmbereitschaft. Wirkliche Entspannung, Innehalten oder Ausruhen fällt schwer oder sogar unmöglich.
Entwicklung eigener narzisstischer Überlebensstrategien: Grandiosität, starke Selbstbezogenheit oder ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bewunderung können unbewusste Überlebensstrategien sein, um das eigene Trauma nicht fühlen zu müssen.
Die hier beschriebenen Symptome und Verhaltensweisen sind Bespiele von Überlebensstrategien, die zeigen, wie sich Bindungstrauma später im Leben ausdrücken kann. Wenn frühes Trauma unbearbeitet bleibt, prägt es oft unser ganzes Leben, unsere Identität, Beziehungen, Gesundheit sowie die Beziehung zu uns selbst.
Heilung durch das Bearbeiten von inneren Dynamiken und Mitgefühl
Die Bearbeitung von Trauma durch eine narzisstisch geprägte Elternbeziehung ist selten einfach. Besonders herausfordernd ist der innere Konflikt, der sich dabei zeigt. Als Kinder sind wir existenziell auf unsere Mutter angewiesen. Sie sollte unsere Quelle von Sicherheit, Zugehörigkeit, Wärme und liebevollem Kontakt sein. Wenn wir jedoch genau von dieser Person verletzt und traumatisiert werden, entsteht ein kaum lösbares, inneres Dilemma: Um die Bindung zur Mutter nicht zu gefährden, müssen wir unsere eigene Wahrnehmung, unsere Gefühle und Bedürfnisse zurückstellen.
Aus dieser frühen Not heraus entwickeln sich verschiedene innere Kindanteile. Vielleicht gibt es Anteile, die Wut oder sogar Hass auf unsere Mutter empfinden. Andere Anteile fürchten sich noch immer vor ihrer Ablehnung oder emotionaler Kälte. Wieder andere Anteile sehnen sich weiterhin nach ihrer Nähe, Wärme und Anerkennung. Manche inneren Anteile schützen unsere Mutter weiter, indem sie das Erlebte herunterspielen oder an dem Bild der „guten Mutter“ festhalten. Und es gibt häufig auch Anteile, die ihre Kritik oder Ablehnung so stark verinnerlicht haben, dass wir sie gegen uns selbst richten.
Diese inneren Widersprüche und Konflikte sind Ausdruck unserer frühen Überlebensstrategien. Sie zeigen sich darin, dass Liebe und Abneigung, Loyalität und Wut, Sehnsucht und Trauer oft gleichzeitig in uns existieren können. Diese Komplexität unserer Psyche anzuerkennen ist ein wichtiger Schritt.
Heilung beginnt, wenn wir verstehen, dass all diese Dynamiken in uns weiterleben, auch wenn unsere Kindheit schon lange vorbei ist. Wenn wir lernen uns achtsam zu begegnen, entsteht Raum für neue Erfahrungen. In einem sicheren, traumasensiblen Rahmen können unsere verschiedenen inneren Anteile behutsam erkundet werden. Oft bedeutet das auch, abgespaltene Gefühle und Körperempfindungen langsam wahrzunehmen, die damals unaushaltbar waren. Das ist oft ein schmerzhafter, innerer Prozess, besonders wenn noch Loyalität oder Schutzgefühle gegenüber der Mutter vorhanden sind. Gleichzeitig hilft uns das Anerkennen, Fühlen und Ausdrücken unserer eigenen Wahrheit alte Traumadynamiken zu lösen und zu integrieren.
Es ist auch wichtig zu verstehen, dass narzisstische Muster aus dem eigenen, unbearbeitetem Trauma der Mutter heraus entstehen. Das macht das Erlebte nicht weniger schmerzhaft, aber kann uns helfen mehr Klarheit zu finden und das Geschehende besser einzuordnen.
Für viele Menschen gehört zur Heilung auch ein tiefer Trauerprozess. Die Trauer um die Mutter, die wir gebraucht hätten. Die Trauer um eine Kindheit, die vor allem von Anpassung geprägt war. Und die Trauer um unsere eigenen inneren Kindanteile, die wir unterdrücken mussten, anstatt uns frei zu entfalten.
Da Trauma sich nicht nur psychisch ausdrückt, sondern auch in unserem Körper und Nervensystem gespeichert ist, ist somatische Arbeit ein wesentlicher Bestandteil des Heilungswegs. Durch behutsame Übungen für mehr Selbstregulation, Achtsamkeit und gesunde Beziehungserfahrungen kann unser Körper Schritt für Schritt wieder mehr Sicherheit erfahren. So entstehen neue innere Ressourcen, die uns mehr Selbstverbundenheit und Stabilität ermöglichen.
Dieser Prozess braucht Zeit. Er verläuft selten linear und lässt sich nicht erzwingen. Veränderung entseht dort, wo wir bereit sind, uns unseren eigenen Schatten zuzuwenden, Unterdrücktes zu fühlen und Verantwortung für unser heutiges Handeln, unsere Beziehungen und uns Selbst zu übernehmen. So können wir uns Stück für Stück ein Leben erschaffen, das weniger aus alten Überlebensstrategien besteht, sondern mehr aus echter Verbundenheit mit uns selbst. 💛
✏️ Fragen zur Selbstreflexion
Wie habe ich meine Mutter in meiner Kindheit wahrgenommen?
Habe ich mich von ihr wirklich gesehen und verstanden gefühlt oder eher kritisiert, infrage gestellt oder nicht ernst genommen?Was passiert in mir und meinem Körper, wenn ich Ablehnung oder Kritik spüre?
Wie geht es mir damit, klare Grenzen zu setzen? Fällt es mir schwer und wenn ja, warum?
Was brauchte ich, um mir selbst einen sicheren Raum zu schaffen - im Inneren sowie im Außen - in dem Heilung möglich ist?
Wenn du dir eine traumasensible und ganzheitliche Unterstützung auf deinem Heilungsweg wünschst, bist du herzlich eingeladen, dich bei mir zu melden. Ich biete Einzel- und Gruppensitzungen online sowie vor Ort in Oslo an. 💛
Danke, dass du hier bist.
Julia
Literaturverzeichnis
Costin, A. (2020). SOCIAL AND EDUCATIONAL IMPLICATIONS REGARDING THE RAISING OF CHILDREN IN NARCISSISTIC FAMILIES. THEORETICAL APPROACH. Journal Plus Education, 27, 50-62.
Estlein, R., Gewirtz‐Meydan, A., & Finzi-Dottan, R. (2024). Maternal narcissism and child maladjustment: a dyadic study. Current Psychology, 43, 34705 - 34716.
Hart, C., Bush-Evans, R., Hepper, E., & Hickman, H. (2017). The children of narcissus: Insights into narcissists' parenting styles. Personality and Individual Differences, 117, 249-254.
Lee, W., & Lee, S. (2025). The Effects of Mother’s Covert Narcissism on Psychological Control of a child in Late Childhood: The Mediating Effect of Child-Based Self-Worth and the Difficulties in Emotion Regulation. Korean Association For Learner-Centered Curriculum And Instruction.
Määttä, S. M. A., & Uusiautti, S. (2018). "My life felt like a cage without an exit": narratives of childhood under the abuse of a narcissistic mother. Early child development and care. Advance online publication.
Ruppert, F., & Broughton, V. (Eds.). (2012). Symbiosis and autonomy: Symbiotic trauma and love beyond entanglements. Green Balloon Publishing.
Ruppert, F. (2019). Who am I in a traumatised and traumatising society? Green Pharmacy Balloon Publishing.